Samstag, 30. Juni 2018

Etappen auf dem Jakobsweg (aktualisiert)

Vielfalt der europäischen Jakobswege (Wikipedia)
Zum Vergrößern auf das Bild klicken!
Im Jahre 711 setzten arabische Heere über die Meerenge von Gibraltar zum ersten Mal nach Europa über und besiegten das Heer der christlichen Westgoten.
Sehr schnell gerieten weite Teile Spaniens unter maurische Herrschaft. Einzelne Militärexpeditionen führten bis in die Mitte Frankreichs.
Durch den christlichen Sieg in der Schlacht  bei Tours und Poitiers im Jahre 732 konnte ein weiteres muslimisches Vordringen verhindert werden.
So war nur der Nordwesten Spaniens noch christlich geblieben. Als ein Wink des Himmels wurde es angesichts dieser Bedrohungslage angesehen, dass der Eremit Pelagius zwischen 812 und 814 das Grab des Apostels Jakobus des Älteren fand. 
Bisher galt weitgehend die Meinung, dass Jakobus (nach Apostelgeschichte 12,2) in Jerusalem enthauptet worden sei, und sich sein Grab zumindest in der Nähe befände. Durch diese "Entdeckung" an den Grenzen zur maurischen Herrschaft war mit einem Mal eine Identifikationsfigur für das in Bedrängnis geratene Christentum vorhanden. So entstanden Legenden, nach denen bereits Jakobus im Zuge der Völker­mission der ersten Christen bis nach Spanien gekommen war. Warum sollte er nicht im Rahmen seiner Mission dann auch in Spanien gestorben oder nach seiner Hinrichtung zumindest der Leichnam des Apostels auf wundersame Weise in den Nordwesten Spaniens gekommen sein?
Und der Apostel erwies sich durch seine Erscheinungen als wahrer Helfer. Im Jahre 844 siegte in Clavijo ein christliches Heer gegen die Araber, die Mauren. Jakobus erhielt so den zweifelhaften Ehrennamen "Maurentöter".
Hl. Jakob mit Wanderstab und Schwert
St. Cyriakus, Duderstadt
Das Ereignis der Grabauffindung und die Wundertaten des Apostels verbreiteten sich erstaunlich schnell bis nach Osteuropa. 
Der Besuch von Heiligengräbern und der Reliquienkult wurden im Mittelalter zu einem regelrechten Hype. 
Die Gläubigen erwarteten an diesen wundertätigen Orten Sündenvergebung und Erlösung gleichermaßen. 
Je höher der Heilige oder die Heilige in der Hierarchie der Kirche standen, umso wirksamer musste die göttliche Energie dann an einem Apostelgrab sein. 

So machten sich schon bald viele Pilger aus ganz Europa auf den gefährlichen und weiten Weg fast bis an das Ende der damaligen Welt. 
Da die Wege dorthin im gefährlichen Grenzgebiet zwischen den arabischen und christlichen Fürstentümern lagen, erhoffte man sich natürlich vom Hl. Jakob den nötigen Beistand.

Hinzu kam seit dem 12. Jahrhundert, dass es trotz der Kreuzzüge fast unmöglich geworden war, nach Jerusalem zu pilgern. Darum zogen bald Hunderttausende für ihr Seelenheil in Richtung „westliches Jerusalem" = Santiago de Compostela. Dieser Pilgerstrom wurde auch kirchlich nachhaltig gefördert und ging erst merklich durch die Reformation des 16. Jh.s zurück. 


Erstaunlicherweise wurde seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Pilgerbewegung auf dem Jakobsweg wieder ein europäisches und sogar ein internationales Phänomen. Wenn in einem Jahr der Todestag des Jesus-Jüngers Jakobus (25. Juli) auf einen Sonntag fällt, wird ein "Ano Xacobeo" ausgerufen. Das war 2004 und 2010 der Fall. Die Weltkulturerbe-Stadt "am Ende der Welt" erlebt einen ständig wachsenden Strom von Pilgern und Kulturtouristen aus aller Welt. Etwa 250.000 Pilger dürften es wohl jedes Jahr sein. 
Es gibt viele bedeutende Routen von allen wichtigen Orten Europas nach Santiago. Die Hauptstrecke, die von Frankreich kommend durch Nordspanien führt, wird Camino francés genannt.



Stationen von KÖLN bis nach RONCESVALLES
Sainte Marie-Madeleine, Vézelay
  • KÖLN (1995 km bis Santiago)
  • TRIER (1903 km)
  • METZ (1815 km)


TOUL (1770 km)


CHALONS-EN-CHAMPAGNE

(1649 km)

bis VÉZELAY (1570 km)



CHALONS-SUR SAONE (1486 km) 


  • LE PUY-EN-VELAY (1409 km)
  • CONQUES (1189 km)
  • SAINT-JEAN-PIED-DE-PORT (780 km)
  • RONCESVALLES (753 km)


Roncesvalles am Morgen (wikipedia.es)

                                   Der Jakobsweg in Spanien - 

                               von RONCESVALLES nach SANTIAGO
                                                            (753 km) Details: hier 


                                    PUENTE LA REINA (672 km bis nach Santiago)

Puente de la Reina (wikipedia.es)
                                                           SAN JUAN DE ORTEGA (502 km) 

                                     BURGOS  (475 km) 

                                     LÉON   (300 km)     
                                         
Hospital und Konvent San Marcos in León (wikipedia.es)

ASTORGA (252 km)

SANTIAGO DE PEÑALBA (248 km)

Mozarabische Architektur
der Kirche (wikipedia.es)

                                                                                          



                                






























CRUZ DE FERRO (231 km)
Höchster Punkt des Jakobsweges (1500 Meter  ü.d.M.) nach den Pyrenäen-Pässen 

 
VILLAFRANCA DEL BIERZO (180 km)

Dieser Ort wird auch das "kleine Santiago" genannt, weil viele Pilger das letzte Stück zum "großen Santiago" nicht mehr schafften und hier beerdigt wurden.
Auch sie erhielten den vollen Sündenablass.


O CEBREIRO (159 km) - Übergang auf 1300 Meter Höhe nach Galizien


Monte Gozo: Erster Blick auf das Ziel (wikipedia.es)





SANTIAGO DE COMPOSTELA - Hauptstadt von Galizien 

Santiago de Compostela mit Kathedrale (wikipedia.es)


























Von SANTIAGO nach FINISTERRE
(knapp 100 km - weiter Richtung Westen)




Am Atlantik: Cabo Finisterre (wikipedia.es)
Am Ende der Welt !















 




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Freitag, 22. Juni 2018

Friedrich Wilhelm Raiffeisen - die Genossenschaftsidee als Zeichen von solidarischer Barmherzigkeit

Raiffeisen-Denkmal in Neuwied (Wikipedia)
Am 30. März jährte sich der Geburtstag des Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Seine Idee der gemeinschaftlichen Kreditvergabe speiste sich aus seinem christlichen Glauben. Dieser Sozialreformer war zugleich ein tiefgläubiger Christ. Auch der 200. Geburtstag von Karl Marx wird in diesem Jahr gefeiert: https://www.karl-marx-ausstellung.de/home.html 
Die unvollendeten Analysen des linkshegelianischen Philosophen spitzten sich an der Frage zu:  Wer ist schuldig an ausbeuterischen Zuständen? Und wie kann man sich von ihnen befreien? 
Marx und Raiffeisen bieten unterschiedliche Wege und Wirkungen, aber es soll nicht vergessen werden, dass er für ein gerechtes Wirtschaften zukunftsweisende Perspektiven entwickelte.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg geboren. Sein Vater Gottfried Raiffeisen war der Bürgermeister des Ortes, der im Zusammenhang des Wiener Kongresses zum Königreich Preußen gekommen war. Nach wenigen Jahren wurde der Vater des Amtes enthoben,  vorgeblich wegen „Geistes Schwäche“, besonders aber wegen anmaßender Amtsführung, die auch zu einem unrechtmäßigen Eingriff in die Armenkasse führte.  So bewarb sich Raiffeisen als 17 -Jähriger um die Aufnahme in den Militärdienst, und zwar in die preußische Garnison zu Köln. Man mag bezweifeln, dass Raiffeisen der Berufsweg als Soldat vorschwebte.  
Unabhängig davon: Er musste aber wegen eines Augenleidens bald den Dienst quittieren. 
Er war zwei Mal verheiratet, von sieben Kindern starben drei noch im Kindesalter. 
1845 wurde Raiffeisen Bürgermeister im Örtchen Weyerbusch im Westerwald, in der Nähe seines Heimartes Hamm/Sieg. Viel Arbeit wartete auf den jungen Rathauschef, vor allem im Kampf gegen die allgegenwärtige Armut.
Nach zwei schlechten Erntejahren rief er 1846 den "Weyerbuscher Brodverein" ins Leben, dem betuchte Bürger Geld bereitstellten. Der Verein verteilte Lebensmittel und kümmerte sich um den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln - ein erstes Projekt des Konzepts "Hilfe zur Selbsthilfe".
Raiffeisen ließ zudem ein Backhaus errichten, stellte einen Bäcker an und ließ das Brot entgegen der Anweisung des Landrates nicht gegen Barzahlung, sondern auf Schuldschein an Bedürftige abgegeben. Und er investierte in Schulen und in den Straßenbau, um den Bewohnern bessere Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte zu schaffen. 
Der landwirtschaftlich nicht so karge rheinische Westerwald war durch die sogenannte Realteilung geprägt, in der die landwirtschaftlichen Anwesen gleichmäßig auf die Erben verteilt wurden, was natürlich die Gefahr der Zersplitterung und der Unrentabilität in sich barg. Raiffeisens besonderes Augenmerk galt zunächst der Verbesserung der Infrastruktur, namentlich dem Schul-und Straßenbau. Dann kam es nach mehreren schlechten Getreideernten und durch eine Kartoffelfäule bedingt zum Hungerwinter 1846/47. Raiffeisen ließ durch die Regierung Korn anliefern und gab es auf Kredit – gegen den Willen des Landrates – an die Notleidenden aus. 
Schließlich wollte die betuchte Klientel ihr Kapital nicht länger für mildtätige Zwecke bereitstellen. Ein Grund lag in der von Raiffeisen hartnäckig verteidigten unbeschränkten Haftung. Danach musste ein Mitglied für sämtliche Verbindlichkeiten des Vereins haften, wenn etwa ein Gläubiger auf Zahlung klagte. Doch das Prinzip bewährte sich: Zu Raiffeisens Lebzeiten ging kein einziger Verein bankrott.
"Mit der Annahme, die Begüterten würden sich als Brüder in Christus auch weitergehend und direkter als durch das Medium Geld den Geringen zuwenden, war Raiffeisen fehlgegangen", urteilt sein Biograf, der Pfarrer und Kirchenhistoriker Michael Klein. 1864 reagierte Raiffeisen und wandelte den Verein in den "Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein" mit Sparkasse um, der sich allein auf Geldgeschäfte konzentrierte. Es war die erste Kreditgenossenschaft in Deutschland und der Vorläufer heutiger Volksbanken und Raiffeisenbanken.
Raiffeisens Maßstäbe waren insgesamt noch die einer paternalistischen Fürsorge der (relativ) Wohlhabenden für die Armen. Nach demselben Prinzip arbeitete Raiffeisen in seiner nächsten Bürgermeisterei, der Nachbargemeinde Flammersfeld. Mit einem „Hülfsverein“ sollte hier der durch den Wucherhandel entstandenen Not begegnet werden. Kostengünstig wurde für die Bauern Vieh auf Kredit bereitgestellt und eine kleine Sparkasse an den Verein angegliedert. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. In seiner nächsten Amtsstelle in Heddesdorf (heute ein Stadtteil von Neuwied/Rhein) traten in einem „Wohlthätigkeitsverein“ neben die Kreditvermittlung auch die Strafentlassenenfürsorge, das Bemühen um verwahrloste Kinder und der Bau einer Volksbibliothek. Letztlich erfolgreich war aber auch hier nur die Kreditversorgung.
Als eine hohe Ausleihsumme erreicht war, begannen die unbegrenzt haftenden Mitglieder jedoch um ihre Einlagen zu bangen. Der Verein geriet in eine Krise und wurde 1864 als „Darlehnskassen Verein“ neu konstituiert. Jetzt waren auch die Kreditnehmer Mitglieder des Vereins, und es handelte sich nun um eine Genossenschaft im eigentlichen Sinne. Die Vereine arbeiteten nach feststehenden Prinzipien. Dazu gehörte die Begrenzung der Vereinsgröße auf das Gebiet eines Kirchspiels. So wurde sichergestellt, dass Kreditnehmer und Kreditgeber einander kannten und die Kreditwürdigkeit zutreffend beurteilt werden konnte. Die Arbeit im Verein war prinzipiell ehrenamtlich, nur der Rechner bekam eine kleine Aufwandsentschädigung. Für die Ausgabe von Krediten hielt Raiffeisen an einem Zinssatz von fünf Prozent fest. Dividenden gab es zunächst nicht. Stattdessen wurden Gewinne in einem Stiftungsfonds angesammelt. Hatte dieser eine bestimmte Höhe erreicht, so schwebte Raiffeisen vor, sollten daraus soziale Aktivitäten finanziert werden. Seine Pläne muten noch heute modern an, wenn auch die Begriffe damals andere waren. Fortbildungsseminare, Kindertagesstätten, Pflegeheime, all das konnte Raiffeisen sich als Projekte vorstellen. Hier wird deutlich, dass die Genossenschaften nicht nur der wirtschaftlichen Bedürfnisbefriedigung dienen sollten, sondern Raiffeisen ihnen eine darüber hinaus gehende Aufgabe zuwies. Seine Genossenschaften sollten aktive Mitgestalter des kommunalen und vor allem des sozialen Lebens sein.

Jesu im Gleichnis vom Weltgericht – „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“  Dieses Wort Jesu aus dem Gleichnis vom Weltgericht (aus Matthäus 25) bezeichnete Raiffeisen ausdrücklich als Wahlspruch seiner Genossenschaften. Er entwickelte sogar Pläne zur Gründung einer geistlichen Kommunität, aus der sich der Mitarbeiternachwuchs in den Vereinen rekrutieren lassen würde. Dabei sollten die Mitglieder die mönchischen Tugenden der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams leben. Diese Pläne kamen zwar nicht zustande, Raiffeisen arbeitete aber bis zu seinem Tode daran. Am 11. März 1888 starb der Reformer kurz vor seinem 70. Geburtstag. Eine geplante Ehrenpromotion zu seinem Geburtstag kam nicht mehr zustande. Dies hatte sich – wie es in den Akten hieß – „erledigt“. Nicht erledigt waren und sind jedoch bis heute Raiffeisens Ideen, die in den Genossenschaften weiterwirken.

Mehr zum Leben und Wirken von F.W. Raifeisen in dem Buch:
Michael Klein: Bankier der Barmherzigkeit: Friedrich Wilhelm Raiffeisen:
Das Leben des Genossenschaftsgründers in Texten und Bildern
  

Neukirchener Verlag   2018, 4. Aufl., 95 S., Abb. 
--- ISBN 978-3-7615-5921-5 ---
Rezension: hier


Raiffeisen-Symbol
Mit dem Motto „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“
erinnert die Deutsche Friedrich-Wilhelm Raiffeisen-Gesellschaft
das ganze Jahr 2018 über an den Vater der Genossenschaftsidee:
raiffeisen2018.de


geno | dition: Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not: [überarbeitet non Marvin Brendel], 2017
1866 veröffentlichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen erstmals seinen Ratgeber „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not...“. Darin schilderte er seine Erfahrungen, die er im Kampf gegen den Wucher und die Verarmung der ländlichen Bevölkerung mit der Errichtung genossenschaftlich organisierter Darlehnskassen gewonnen hatte. Raiffeisens erstes Buch trug wesentlich zur Ausbreitung der Genossenschaftsidee bei. Auch heute entfaltet die Idee nach wie vor ihre Kraft und Raiffeisen ist als einer ihrer Gründerväter in vieler Munde. Doch wer von den heutigen Genossenschaftlern hat sein wegweisendes Werk tatsächlich noch gelesen? 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung will dieser Reprint Raiffeisens genossenschaftliches Wirken neuen Generationen nahe bringen. Als Beitrag zur Bewahrung originären Gedankengutes lädt er ein, in die Gedankenwelt des Genossenschaftspioniers einzutauchen – und so auch die ganze Person, seine Ansichten, Ideen und Überlegungen, besser kennen zu lernen.

Die Raiffeisen-Tagung

"Teilhabe und Teilnahme. Zukunftspotenziale der Genossenschaftsidee. Evangelischer Raiffeisenkongress" 18. und 19. Juni 2018 in Bonn - zwei Tage mit vielen Impulsen und Austausch über die Chancen von #Genossenschaften in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche.
Eine Kooperation mit:
Evangelische Kirche im Rheinland. Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelische Kirche in Deutschland, Seminar für Genossenschaftswesen an der Universität Köln, KD-Bank

Wie kann das Genossenschaftswesen zukünftig genutzt werden?

Ausführliche Informationen sind auf der Themenseite www.kirche-wirtschaft-soziales.de bereit gestellt.



http://raiffeisen.ekir.de/ --- TEXTE AUF ENGLISCH Manfred Rekowski, President of the Evangelical Church in the Rhineland,
about the benefits of Friedrich Wilhelm Raiffeisen:


Prof. Dr. Eckhard Freyer, Bonn

CC 



Donnerstag, 14. Juni 2018

INTR°A-Tagungen 1990 - 2017: Dokumentation mit Preisverleihungen



Bis 2006 wurden wichtige Vorträge und Diskussionsergebnisse aus den Tagungen in den neun Bänden der Reihe RELIGIONEN IM GESPRÄCH
(RIG 1/1990 bis RIG 9/2006) dokumentiert.






     Tagungsdokumentationen seit 2007

    Dokumente und Fotos im Internet abrufbar:
     

      Dienstag, 12. Juni 2018

      Dortmund - Stadtkirche St. Reinoldi: Reinoldus/Rinaldo - Orient-Okzident-Begegnung



      Die Reinoldikirche ist nach dem Stadtpatron der alten  Reichsstadt Dortmund benannt. 
      Der Heilige Reinoldus (= Reinold von Köln) spielt nicht nur in der Geschichte des 1. Kreuzzugs (1096-1099) die Rolle eines sog. Christenverteidigers, sondern er hat auch eine erstaunliche Wirkungsgeschichte. Sie zeigt sich insbesondere in der berühmten Oper von Georg Friedrich Händel: Rinaldo. 


      Rinaldo = Reinoldus: Stadtpatron von Dortmund   (WAZ 05.02.14)

      Wie Reinoldus nach Dortmund kam 
      (WAZ, 02.12.2014)


      Kreuzritter Reinoldus 










      Die übergroße Holzstatue des Ritters Reinoldus in der Kirche signalisiert damit ein Stück Weltgeschichte, zumal ihm gegenüber Karl der Große in eben solcher monumentaler Größe steht. Nicht zu vergessen: Im Mittelalter gehörte Dortmund - am Hellweg zwischen Paderborn, Essen und Köln - zu den wichtigen Königspfalzen.



      Vgl. "Orient und Okzident 
      sind nicht mehr zu trennen". Europa üben ...


      Zur Oper Rinaldo 
      (entstanden in London 1711) 


      Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
      und seufzen um meine Freiheit ...
      Möge die Trauer die Ketten zerbrechen von meinem Leiden
      Ich bete um Gnade ...
      Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
      und seufzen für meine verlorene Freiheit.




      Karl der Große gegenüber dem Hl. Reinoldus

      Konzertpause am 10. Juni 2018:
      Oratorium von Antonio Caldara:
      Magdalena am Kreuz Christi




      CC 

      Donnerstag, 7. Juni 2018

      Mani und der Manichäismus - eine verschwundene Religion? (aktualisiert)



      Kölner Mani-Kodex (Wikipedia)
      Hier einige Zitate zu Leben und Wirken Manis:

      "Mani ist der Stifter einer nach ihm benannten synkretistisch-dualistischen Religion, des Manichäismus ... Geboren wurde Mani am 14. April 216 bei Seleukia-Ktesiphon im Irak, in der Nähe von Bagdad ... Er war Mitglied in der asketisch ausgerichteten juden-christlichen Täufersekte der Elkesaiten ... Im Alter von 12 Jahren (vgl. den 12jährigen Jesus im Tempel!) empfing Mani die erste Offenbarung seines himmlischen „Zwillings“ (...), der ihn über die himmlischen Geheimnisse aufklärte und zu seinem ständigen Begleiter, gewissermaßen zum himmlischen Über-Ich und Doppelgänger, wurde. Durch diese erste Vision mit prophetischem Sendungsbewusstsein erfüllt entwickelte Mani eine universale Heilslehre, auf deren Grundlage er die Täufersekte reformieren wollte ... Als eine Reform der Täufersekte nicht gelang, kam es zum Bruch und Mani trennte sich von den Elkesaiten ... Nachdem er als 24 jähriger durch eine zweite Offenbarung seines himmlischen Zwillings als „Apostel des Lichts“ bestätigt und ausgesandt wurde, brach Mani zu Missionsreisen zunächst nach Ktesiphon, dann nach Indien auf (240/241) ...  Im Jahre 242 kehrte Mani nach Persien zurück, wo inzwischen der Perserkönig Šapur I. (242-273) an die Macht gelangt war. ... Šapur I. versprach sich von Manis Einheitsreligion politische Vorteile für seine Reichsideologie und stand dem Manichäismus deswegen positiv gegenüber. Mit seiner Billigung und Unterstützung  ...  breitete sich der Manichäismus sowohl innerhalb als auch außerhalb des Irans im Osten und Westen aus ... Auch der Nachfolger von Šapur I., Hormizd I. (273 / 274), blieb der manichäischen Lehre wohlgesonnen. Das Schicksal Manis und der Manichäer änderte sich jedoch unter der Herrschaft von Bahram I. (274-276/77), der Mani unter anderem das Reisen und damit die Mission untersagte. Eine Verfolgung des Manichäismus begann. Treibende Kraft hinter der nun einsetzenden Repression des Manichäismus war indes die zoroastrische Priesterschaft ... Die zwischen den beiden konkurrierenden Religionen schon lange schwelenden Konflikte führten schließlich zur Verhaftung und zum Tod Manis: Nach 26 Tagen Gefängnis erlitt er ... den Märtyrertod in Gundešapur ... das genaue Todesdatum ist umstritten (14. Februar 276 oder 26. Februar 277). Die Legende erzählt, dass Mani nach seinem Tod direkt ins Lichtreich aufstieg ... Verfolgungen der Manichäer schlossen sich an; viele starben wie Mani den Märtyrertod oder wanderten im Lauf der Zeit in den Nordosten Irans und von da aus über Zentralasien nach China aus, wo der Manichäismus zu neuer Blüte gelangte. ... Manis Religion ist nach dem Prinzip eines gezielten Synkretismus gebaut, der mehrere Religionen in sich vereint und aus ihnen eine umfassende Heilslehre konstruiert. Einflüsse des Christentums (...), der jüdisch-christlichen Täufersekte der Elkesaiten (...), der Gnosis (...), des zoroastrisch-iranischen Dualismus (...) und später auch des Buddhismus (...) sind vorhanden.

      Kern der manichäischen Lehre ist der Dualismus zwischen den Urprinzipien Licht bzw. Geist und Finsternis bzw. Materie ... Das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis stehen einander als feindliche Mächte gegenüber, die je für sich immer neue Kräfte und Emanationen generieren ...  Das Licht wird in einem apokalyptischen Endkampf („großer Krieg“), einem 1468 Jahre andauernden Weltenbrand und dem Endgericht mit der Wiederkunft Christi als Richter (...) befreit ...


      Aus der Vorstellung, dass in jeder Form von Materie – sei sie organisch, sei sie anorganisch - Licht gefangen ist, resultiert ein umfassendes „kosmisches Verantwortungsgefühl“  ... Im alltäglichen Leben muss immer darauf geachtet werden, die Lichtteile nicht zu schädigen und zugleich an der Ausläuterung des Lichtes und der Ausbreitung des Manichäismus mitzuwirken."

      Manichäische Miniaturmalerei aus Kocho in Zentralasien, im Museum für indische Kunst in Berlin
      Manichäische Miniaturmalerei aus Kocho (Zentralasien)
      Quelle: Joachim Schäfer: Ökumenisches Heiligenlexikon
      Weiterführendes
      Literaturhinweise

      • "Eine Wesensbestimmung des Menschseins stellt auch das gnostische Lehrgebäude des Mani (3. Jh. n. Chr.) dar, dem Begründer des Manichäismus In dieser Konzeption hat die Erkenntnis dem Glauben gegenüber Priorität. Diese religiöse Denkrichtung drohte damals durchaus zu einer ernsthaften Konkurrenz für das Christentum zu werden, wie das dualistische Denken Augustins noch erahnen lässt. Damit der Mensch aus dem Kerker zum Licht geführt werden kann, muss das gute Prinzip gegenüber dem bösen siegen. Dazu begeben sich göttliche Gesandte auf die Erde damit der in der Dunkelheit im Todesschlaf gefangene Mensch der Macht des Gottes der Finsternis entrissen wird und zur Erleuchtung kommt. Manis Religion ermöglicht durch die „Manifestation des Licht-Nous“, diesen Weg zum Heil zu gehen. Durch eine Versiegelung kann auch das Böse nicht mehr in den Menschen eindringen. 
        Solche streng dualistische Soteriologie hat im Mittelmeerraum immer wieder nachfolgende Bewegungen hervorgebracht, die man unter dem Namen der Katharer, der Reinen, zusammenfasst und die in der okzitanischen Bewegung der mittelalterlichen Katharer noch einmal eine bedeutende Rolle spielten."
        Aus der Rezension zu: 
        Karl M. Woschitz: Homo transcendentalis.
        Der Mensch in seiner Symbolfähigkeit zwischen Leiden, Dramatik und Hoffnung.
        Festschrift anlässlich des 80. Geburtstags. Hg.: Theresia Heimerl unter Mitarbeit von Sarah Lang.

        Theologie im kulturellen Dialog, Bd. 33. Innsbruck-Wien: Tyrolia 2017, 248 S.

      • A. Van den KerchoveL. G. Soares Santoprete (eds.): Gnose et manichéisme. Entre les oasis d’Égypte et la Route de la Soie. Hommage à Jean-Daniel Dubois
        Bibliothèque de l'Ecole des Hautes Etudes, Sciences Religieuses (BEHE 
        176)
        Turnhout (B): Brepols 2017, 970 pp., illustr.

        Information mit Inhaltsverzeichnis: hier
      • Ludwig Koenen / Cornelia Römer (Hg.):
        Mani. Auf der Spur einer verschollenen Religion.
        Freiburg u.a.: Herder 1993, 106 S.
        mit Literaturliste zum Manichäismus 
      • Amin Maalouf: Les jardins de lumière. Roman.
        Paris: J.-C. Lattès 1991, 341 pp.
        "Die Gärten des Lichts": Roman über das Leben Manis
      • Christa Maria Siegert (Hg.): Mani. Perlenlieder.
        Eine Auswahl manichäischer Texte.
        Vadolzburg: Hermanes T.
        1985, 196 S. --- mit Literaturliste
      • Zsusanna Gulácsi (Northern Arizona University): Mani's Pictures:


        The Didactic Images of the Manichaeans from Sasanian Mesopotamia to Uygur Central Asia and Tang-Ming Chin.
        Leiden (NL): Brill 2015  


        The founder of Manichaeism, Mani (216-274/277 CE), not only wrote down his teachings to prevent their adulteration, but also created a set of paintings — the Book of Pictures— to be used in the context of oral instruction.
      • Eugen Rose: Die manichäische Christologie.
        Wiesbaden: Harrassowitz 1979, 201 S.
        Inhaltsverzeichnis (unvollständig) und Leseprobe: hier
      •  

         


      Manichäismus ist eine antike Religion, die nach ihrem Stifter, dem persischen Weisen Mani - er lebte etwa 216 bis 276 - benannt wurde. Mani bezeichnete sich selbst nach Buddha und Jesus als letzten Propheten. Neben Elementen aus dem Parsismus und Christentum weist der Manichäismus insbesondere Einflüsse der Gnosis auf.