Freitag, 22. Juni 2018

Friedrich Wilhelm Raiffeisen - die Genossenschaftsidee als Zeichen von solidarischer Barmherzigkeit

Raiffeisen-Denkmal in Neuwied (Wikipedia)
Am 30. März jährte sich der Geburtstag des Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Seine Idee der gemeinschaftlichen Kreditvergabe speiste sich aus seinem christlichen Glauben. Dieser Sozialreformer war zugleich ein tiefgläubiger Christ. Auch der 200. Geburtstag von Karl Marx wird in diesem Jahr gefeiert: https://www.karl-marx-ausstellung.de/home.html 
Die unvollendeten Analysen des linkshegelianischen Philosophen spitzten sich an der Frage zu:  Wer ist schuldig an ausbeuterischen Zuständen? Und wie kann man sich von ihnen befreien? 
Marx und Raiffeisen bieten unterschiedliche Wege und Wirkungen, aber es soll nicht vergessen werden, dass er für ein gerechtes Wirtschaften zukunftsweisende Perspektiven entwickelte.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg geboren. Sein Vater Gottfried Raiffeisen war der Bürgermeister des Ortes, der im Zusammenhang des Wiener Kongresses zum Königreich Preußen gekommen war. Nach wenigen Jahren wurde der Vater des Amtes enthoben,  vorgeblich wegen „Geistes Schwäche“, besonders aber wegen anmaßender Amtsführung, die auch zu einem unrechtmäßigen Eingriff in die Armenkasse führte.  So bewarb sich Raiffeisen als 17 -Jähriger um die Aufnahme in den Militärdienst, und zwar in die preußische Garnison zu Köln. Man mag bezweifeln, dass Raiffeisen der Berufsweg als Soldat vorschwebte.  
Unabhängig davon: Er musste aber wegen eines Augenleidens bald den Dienst quittieren. 
Er war zwei Mal verheiratet, von sieben Kindern starben drei noch im Kindesalter. 
1845 wurde Raiffeisen Bürgermeister im Örtchen Weyerbusch im Westerwald, in der Nähe seines Heimartes Hamm/Sieg. Viel Arbeit wartete auf den jungen Rathauschef, vor allem im Kampf gegen die allgegenwärtige Armut.
Nach zwei schlechten Erntejahren rief er 1846 den "Weyerbuscher Brodverein" ins Leben, dem betuchte Bürger Geld bereitstellten. Der Verein verteilte Lebensmittel und kümmerte sich um den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln - ein erstes Projekt des Konzepts "Hilfe zur Selbsthilfe".
Raiffeisen ließ zudem ein Backhaus errichten, stellte einen Bäcker an und ließ das Brot entgegen der Anweisung des Landrates nicht gegen Barzahlung, sondern auf Schuldschein an Bedürftige abgegeben. Und er investierte in Schulen und in den Straßenbau, um den Bewohnern bessere Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte zu schaffen. 
Der landwirtschaftlich nicht so karge rheinische Westerwald war durch die sogenannte Realteilung geprägt, in der die landwirtschaftlichen Anwesen gleichmäßig auf die Erben verteilt wurden, was natürlich die Gefahr der Zersplitterung und der Unrentabilität in sich barg. Raiffeisens besonderes Augenmerk galt zunächst der Verbesserung der Infrastruktur, namentlich dem Schul-und Straßenbau. Dann kam es nach mehreren schlechten Getreideernten und durch eine Kartoffelfäule bedingt zum Hungerwinter 1846/47. Raiffeisen ließ durch die Regierung Korn anliefern und gab es auf Kredit – gegen den Willen des Landrates – an die Notleidenden aus. 
Schließlich wollte die betuchte Klientel ihr Kapital nicht länger für mildtätige Zwecke bereitstellen. Ein Grund lag in der von Raiffeisen hartnäckig verteidigten unbeschränkten Haftung. Danach musste ein Mitglied für sämtliche Verbindlichkeiten des Vereins haften, wenn etwa ein Gläubiger auf Zahlung klagte. Doch das Prinzip bewährte sich: Zu Raiffeisens Lebzeiten ging kein einziger Verein bankrott.
"Mit der Annahme, die Begüterten würden sich als Brüder in Christus auch weitergehend und direkter als durch das Medium Geld den Geringen zuwenden, war Raiffeisen fehlgegangen", urteilt sein Biograf, der Pfarrer und Kirchenhistoriker Michael Klein. 1864 reagierte Raiffeisen und wandelte den Verein in den "Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein" mit Sparkasse um, der sich allein auf Geldgeschäfte konzentrierte. Es war die erste Kreditgenossenschaft in Deutschland und der Vorläufer heutiger Volksbanken und Raiffeisenbanken.
Raiffeisens Maßstäbe waren insgesamt noch die einer paternalistischen Fürsorge der (relativ) Wohlhabenden für die Armen. Nach demselben Prinzip arbeitete Raiffeisen in seiner nächsten Bürgermeisterei, der Nachbargemeinde Flammersfeld. Mit einem „Hülfsverein“ sollte hier der durch den Wucherhandel entstandenen Not begegnet werden. Kostengünstig wurde für die Bauern Vieh auf Kredit bereitgestellt und eine kleine Sparkasse an den Verein angegliedert. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. In seiner nächsten Amtsstelle in Heddesdorf (heute ein Stadtteil von Neuwied/Rhein) traten in einem „Wohlthätigkeitsverein“ neben die Kreditvermittlung auch die Strafentlassenenfürsorge, das Bemühen um verwahrloste Kinder und der Bau einer Volksbibliothek. Letztlich erfolgreich war aber auch hier nur die Kreditversorgung.
Als eine hohe Ausleihsumme erreicht war, begannen die unbegrenzt haftenden Mitglieder jedoch um ihre Einlagen zu bangen. Der Verein geriet in eine Krise und wurde 1864 als „Darlehnskassen Verein“ neu konstituiert. Jetzt waren auch die Kreditnehmer Mitglieder des Vereins, und es handelte sich nun um eine Genossenschaft im eigentlichen Sinne. Die Vereine arbeiteten nach feststehenden Prinzipien. Dazu gehörte die Begrenzung der Vereinsgröße auf das Gebiet eines Kirchspiels. So wurde sichergestellt, dass Kreditnehmer und Kreditgeber einander kannten und die Kreditwürdigkeit zutreffend beurteilt werden konnte. Die Arbeit im Verein war prinzipiell ehrenamtlich, nur der Rechner bekam eine kleine Aufwandsentschädigung. Für die Ausgabe von Krediten hielt Raiffeisen an einem Zinssatz von fünf Prozent fest. Dividenden gab es zunächst nicht. Stattdessen wurden Gewinne in einem Stiftungsfonds angesammelt. Hatte dieser eine bestimmte Höhe erreicht, so schwebte Raiffeisen vor, sollten daraus soziale Aktivitäten finanziert werden. Seine Pläne muten noch heute modern an, wenn auch die Begriffe damals andere waren. Fortbildungsseminare, Kindertagesstätten, Pflegeheime, all das konnte Raiffeisen sich als Projekte vorstellen. Hier wird deutlich, dass die Genossenschaften nicht nur der wirtschaftlichen Bedürfnisbefriedigung dienen sollten, sondern Raiffeisen ihnen eine darüber hinaus gehende Aufgabe zuwies. Seine Genossenschaften sollten aktive Mitgestalter des kommunalen und vor allem des sozialen Lebens sein.

Jesu im Gleichnis vom Weltgericht – „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“  Dieses Wort Jesu aus dem Gleichnis vom Weltgericht (aus Matthäus 25) bezeichnete Raiffeisen ausdrücklich als Wahlspruch seiner Genossenschaften. Er entwickelte sogar Pläne zur Gründung einer geistlichen Kommunität, aus der sich der Mitarbeiternachwuchs in den Vereinen rekrutieren lassen würde. Dabei sollten die Mitglieder die mönchischen Tugenden der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams leben. Diese Pläne kamen zwar nicht zustande, Raiffeisen arbeitete aber bis zu seinem Tode daran. Am 11. März 1888 starb der Reformer kurz vor seinem 70. Geburtstag. Eine geplante Ehrenpromotion zu seinem Geburtstag kam nicht mehr zustande. Dies hatte sich – wie es in den Akten hieß – „erledigt“. Nicht erledigt waren und sind jedoch bis heute Raiffeisens Ideen, die in den Genossenschaften weiterwirken.

Mehr zum Leben und Wirken von F.W. Raifeisen in dem Buch:
Michael Klein: Bankier der Barmherzigkeit: Friedrich Wilhelm Raiffeisen:
Das Leben des Genossenschaftsgründers in Texten und Bildern
  

Neukirchener Verlag   2018, 4. Aufl., 95 S., Abb. 
--- ISBN 978-3-7615-5921-5 ---
Rezension: hier


Raiffeisen-Symbol
Mit dem Motto „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“
erinnert die Deutsche Friedrich-Wilhelm Raiffeisen-Gesellschaft
das ganze Jahr 2018 über an den Vater der Genossenschaftsidee:
raiffeisen2018.de


geno | dition: Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not: [überarbeitet non Marvin Brendel], 2017
1866 veröffentlichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen erstmals seinen Ratgeber „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not...“. Darin schilderte er seine Erfahrungen, die er im Kampf gegen den Wucher und die Verarmung der ländlichen Bevölkerung mit der Errichtung genossenschaftlich organisierter Darlehnskassen gewonnen hatte. Raiffeisens erstes Buch trug wesentlich zur Ausbreitung der Genossenschaftsidee bei. Auch heute entfaltet die Idee nach wie vor ihre Kraft und Raiffeisen ist als einer ihrer Gründerväter in vieler Munde. Doch wer von den heutigen Genossenschaftlern hat sein wegweisendes Werk tatsächlich noch gelesen? 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung will dieser Reprint Raiffeisens genossenschaftliches Wirken neuen Generationen nahe bringen. Als Beitrag zur Bewahrung originären Gedankengutes lädt er ein, in die Gedankenwelt des Genossenschaftspioniers einzutauchen – und so auch die ganze Person, seine Ansichten, Ideen und Überlegungen, besser kennen zu lernen.

Die Raiffeisen-Tagung

"Teilhabe und Teilnahme. Zukunftspotenziale der Genossenschaftsidee. Evangelischer Raiffeisenkongress" 18. und 19. Juni 2018 in Bonn - zwei Tage mit vielen Impulsen und Austausch über die Chancen von #Genossenschaften in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche.
Eine Kooperation mit:
Evangelische Kirche im Rheinland. Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelische Kirche in Deutschland, Seminar für Genossenschaftswesen an der Universität Köln, KD-Bank

Wie kann das Genossenschaftswesen zukünftig genutzt werden?

Ausführliche Informationen sind auf der Themenseite www.kirche-wirtschaft-soziales.de bereit gestellt.



http://raiffeisen.ekir.de/ --- TEXTE AUF ENGLISCH Manfred Rekowski, President of the Evangelical Church in the Rhineland,
about the benefits of Friedrich Wilhelm Raiffeisen:


Prof. Dr. Eckhard Freyer, Bonn

CC 



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