Sonntag, 22. März 2020

Willigis Jäger (07.03.1925 - 20.03.2020) - auf dem Weg zu gemeinsamen Quellen west-östlicher Spiritualität

Cover des Buches mit dem Untertitel:
Stationen eines spirituellen Weges.
Hg.: Christoph Quarch. München: Kösel 2005, 181 S., Abb.
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Der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger (07.03.1925 - 20.03.2020)  - mit seinem Zen-Namen: Kyo-un Rōshi - hat mit seiner ganzen Person über Jahrzehnte deutlich gemacht, wie sehr der Brückenschlag zwischen östlicher und westlicher Spiritualität zur Bereicherung der eigenen Person und des eigenen spirituellen Lebens führt und vertiefende interreligiöse Möglichkeiten eröffnet; denn nicht die Dogmen sind entscheidend, sondern die Erfahrung der „ewigen Weisheit“. So ist der christliche Theologe auch gleichzeitig Zen-Meister geworden, als Christ uneingeschränkt akzeptiert von Buddhisten. Dies hat ihm jedoch die Ausgrenzung und das Lehrverbot in der katholischen Kirche eingebracht. Allerdings war und ist dies für ihn keineswegs ein Hinderungsgrund, auf dem eingeschlagenen Weg weiter zu wandern und vielen Menschen als spiritueller Ratgeber in Meditationen und Vorträgen zur Verfügung zu stehen. Dank einer großzügigen Stifterin konnte der Benediktushof, ein ehemaliges Kloster in Holzkirchen bei Würzburg, zu einer Quelle west-östlicher Spiritualität werden.
Dort wird neben der Zen-Praxis u.a. auch Dionysius Areopagita, jener wirkungsmächtige neuplatonische Mystiker der Antike einbezogen. 



Der Zen-Meditationsraum (Zendo / Dojo) im Benediktushof

Jägers religiös-komplementärer Ansatz führt dazu, gerade in der Verbindung von Ost und West erneuernde Kraftquellen freizulegen, die Körper und Geist gleichermaßen einbeziehen.

Vgl. 
Willigis Jäger / Betriace Grimm:
Der Himmel in dir. Einübung ins Körpergebet.

München: Kösel 2000, 192 S. Abbildungen --- Rezension >>>
Im Interview anlässlich seines 90. Geburtstages wurde noch einmal besonders deutlich, dass die von Jäger favorisierte und gelebte Spiritualität Konfessionen und Grenzen überschreitet und damit eine wichtige, auch die Gesellschaft verändernde Friedenskraft sein kann.


Interreligiöses Symbol mit 5 Religionen
 am Eingang des Benediktus-Hofes


Vgl. bereits die Veröffentlichungen:
--- Zu seinem 80. Geburtstag:
Peter Lengsfeld (Hg.): Mystik – Spiritualität der Zukunft. Erfahrung des Ewigen.

Pater Willigis Jäger OSB zum 80. Geburtstag. Freiburg u.a.: Herder 2004, 413 S

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--- Zu seinem 85. Geburtstag:
Willigis Jäger: Ewige Weisheit. Das Geheimnis hinter allen spirituellen Wegen.

Redaktion: Christa Spannbauer und Ursula Richard. Band 2 der Schriftenreihe "West-östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung". Mit Zeichnungen von Katharina Shepherd-Kobel. München: Kösel 2010, 144 S.
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Weiteres zu Willigis Jäger und zum Benediktushof
--- Östlich-westliche Weisheit - Willigis-Jäger-Stiftung >>>
--- Willigis Jäger bei Wikipedia >>>
--- Fernand Braun: Willigis Jäger (Kyo-un Roshi) -
     Leben im Zeichen west-östlicher Weisheit.

     In: Michael Klöcker / Udo Tworuschka (Hg.):
     Handbuch der Religionen (HdR), XV-1.4.1 (EL 47, 2016, 20 S.)

Es liegen inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen von Willigis Jäger zu diesem Themenbereich der inneren Verbindung von östlicher und westlicher Weisheit vor:

Willigis Jäger: Kleine Auswahl von Veröffentlichungen
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Kürzlich erschien eine orientierende Textauswahl spiritueller Weisheit:
Willigis Jäger: Geh den inneren Weg.
Texte der Achtsamkeit und Konzentration.

Auswahl von Willigis Jäger, Nachwort von Alexander Podraj.
Freiburg u.a.: Herder 2019, 176 S.

Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe >>>

Mir scheint in diesem Zusammenhang ein schon länger erschienenes kleines Buch die entscheidende Leitline im Denken und meditativen Handeln dieses Weisheitslehrers besonders deutlich auszudrücken: 

Willigis Jäger:
Westöstliche Weisheit.
Visionen einer integralen Spiritualität.

Stuttgart: Theseus (im Kreuz-Verlag) 2007, 128 S., Abb.

Die entscheidende Zielrichtung dieses Buches formuliert der Altmeister des west-östlichen Dialogs, Raimon Panikkar (1918-2010): „Die Glaubenssätze sind verschieden, oft unverträglich und auch manchmal widersprüchlich – und Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen, denn die ‚letzte Wirklichkeit’ ist unbegreiflich, und jede Behauptung von ihr spiegelt nur eine Annäherung wider. Wenn die ganze Welt nur einfarbig und die Menschen einstimmig wären, ginge nicht nur ein großer Teil der Schönheit des Universums verloren, sondern es würde auch der Reiz des Lebens verschwinden“ (S. 10). 
Panikkar beruft sich interessanterweise auf Thomas von Aquin !
Was Willigis Jäger so erstaunlich gelingt, ist - von der Kritik der Religion her - ihren dualistischen Verengungen den Abschied zu geben. Gleichzeitig erweitert er in der Verbindung mit den neuen Erkenntnissen von Quantenphysik, Astrophysik und Relativitätstheorie unser Bewusstsein und unser Weltbild gleichermaßen.
Darum beginnt er mit den vier großen Menschheitsfragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Warum sind wir hier? Wohin gehen wir? Er spiegelt diese Fragen kritisch gegen die dogmatischen Verhärtungen von Religion (im Teil 2), um im 3. Teil den Weg christlicher Kontemplation in Konvergenz mit dem Zen zu gehen. Das hätte für die christliche Kirche bisher Folgen zwingender Veränderung. Und so endet seine Vision einer umfassenden, nicht ausgrenzenden Spiritualität („integral“) mit dem Wunsch einer Transformation der Religion, „die von einem theistischen Gott zu einer Seinserfahrung mit dem göttlichen Urprinzip führt“ (S. 122). Sieht man dieses alles unter dem Verständnis  der Non-Dualität, dann muss der Nächste nicht als Objekt gesehen werden und die Erde nicht abständig als zu behandelnde Sache, sondern es gibt nur die Erfahrung des „Mitseins“ (S. 122) in einem großen Zusammenhang.
Mystik, im Osten wie im Westen, entwickelt dabei eine revolutionäre Kraft, die Menschen so verwandelt, dass sie in ihren Erfahrungen alles Miteinander-Verbindende, das nicht mehr Definierbare, entdecken, welcher Religion sie auch immer angehören mögen. Die Gefahren des Fundamentalismus durch dogmatische Engführungen wie harmonisierende Religionsvermischung sind gleichermaßen gebannt, weil sich der endliche Mensch im Unendlichen und im absoluten Sein wieder erkennen darf: „Die äußere Form wird sterben – doch unser Geist, der wir sind, ist unvergänglich und unzerstörbar“ (S. 112f).
So hat Willigis Jäger mit seiner Zen-Praxis eine eigenständige Spiritualität ermöglicht. Er lehrt damit, dass gerade die theistisch geprägten Religionen auf die nicht-personalen Anstöße und Bereicherungen durch östliche Erfahrungen und Praktiken nicht verzichten können und dürfen. Was Jäger hier leistet, ist komplementäres Denken in universaler Weise und ihre Realisierung in der meditativen Praxis.
Dieser veröffentlichte „Weisheits“-Band wirkt wie eine komprimierte Zusammenfassung dessen, was – so ist zu hoffen – „vor Ort“ schrittweise zu einer Transformation der Religion und damit auch der Kirchen führen wird. Der Impuls dazu kommt aus dem gemeinsamen Wissen um das Eine und ist zugleich Aufforderung, den Weg zum diesem „einen universalen Bewusstsein“ zu nehmen (S. 110). So wird dieses Büchlein zu einem spirituellen Vademecum über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus.

Das Wort "Vademecum" signalisiert dabei zugleich, dass mystische Erfahrung nicht in einer abgehobenen Sphäre zum Ausdruck kommt, sondern mitten im Alltag. Darauf sei deshalb noch auf ein Bändchen verwiesen, das Willigis Jäger zusammen mit dem Philosophen Christoph Quarch bewusst gemeinschaftlich geschrieben hat:


Willigis Jäger / Christoph Quarch: „ …denn auch hier sind Götter“.
Wellness, Fitness und Spiritualität.

Herder spektrum 5457. Freiburg u.a.: Herder 2004, 141 S.
Es geht in diesen Texten um die vertiefende Bewusstmachung von Alltagserfahrungen, die in dem Satz gipfeln: „Später fragte ich mich, wo eigentlich der Unterschied zwischen dem Erleben in der Kapelle und dem Erlebnis auf dem Sportplatz lag? War denn das Psalmengebet etwas anderes als Fußballspielen? Im Chor war es manchmal wie auf dem Fußballplatz. ES sang und rezitierte“ (Zitat aus "Leben ist Religion", 2005, S. 43, s.o.). 

Genau auf diesen Punkt kommen beide Autoren durchgehend zu sprechen, indem Körperlichkeit, Sinnenhaftigkeit und die Wahrnehmung des „Hier und Jetzt“ sowohl aus der Zen-Tradition, aber auch aus dem Bereich von Wellness und Fitsein mit schönen Beispielen belegt wird: „Ich schwitze, also bin ich“ (Sauna-Erfahrungen, S. 84ff); und fast daneben steht die Geschichte, wie 16 buddhistische Heilige einmal im Bad die Erleuchtung erfuhren (S. 100ff).

Die Geschichten im Buch spielen mit einem von Aristoteles überlieferten Zitat des griechischen Philosophen Heraklit (500v. Chr.), der sich gerade an einem Backofen wärmte und zu seinen Besuchern sagte: "Tretet ein, denn auch hier sind Götter!"
Dies ist durchaus eine ermutigende Aussicht, weil es sich lohnt, auf die oft zu Recht gescholtene Fitness-, Schönheits- und Wellnessmanie unter einem anderen Blickwinkel zu schauen: Die Wunder und Chancen des Alltags entstehen überall da, wo der Mensch sich mit Seele, Geist und Körper ohne Vorbedingungen öffnet: er wird also achtsam! So zeigt sich, dass auch solche Wege zur Harmonie führen können, und zwar in dem Augenblick, in dem die enge materiell orientierte Wirklichkeit überstiegen wird. Das geschieht nicht selten unverhofft; und so wird authentische Erfahrung von Transzendenz möglich.
Sie "offenbart" sich als „göttliche“ Weisheit und spirituelle Schönheit.

Reinhard Kirste

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