Mittwoch, 7. Februar 2018

Philosophische Orient-Okzident-Begegnungen - Mohamed Turki (aktualisiert)

Mohamed Turki am 26.01. 2018
an der Universität zu Köln
Mohamed Turki (geb. 1945 in Gabès) hat neben wissenschaftlichen Arbeiten in seinem Heimatland Tunesien seine interkulturellen Interessen durch das Studium der Philosophie, Romanistik und Soziologie an der Universität Münster vertieft. Das führte dazu, dass er eingeladen wurde, an den deutschen Universitäten Bremen, Gießen und Kassel, aber auch an den tunesischen Universitäten Sfax und Tunis zu lehren.  
Aufgrund seiner Verbindungen zur französischen Philosophie und Literatur beschäftigte er sich ausführlich mit Jean-Paul Sartres Existenzphilosophie, im Blick auf Deutschland mit Ernst Blochs utopischem Konzept "Prinzip Hoffnung" und mit der arabisch-islamischen Philosophie im Kontext philosophischer Strömungen in Europa und Amerika. Durch die Eröffnung bisher wenig bedachter interkultureller und  interreligiöser Perspektiven wurde er mit seiner interkulturellen Philosophie zu einem Brückenbauer zwischen arabischen und westlichen Philosophien und ein Vermittler der Kulturen.
Bei einem Vortrag im Rahmen der Gedenkveranstaltung für die 2017 verstorbene Philosophin Claudia Bickmann  zum Thema "Dimensionen der Freiheit" in Köln betonte er besonders die verschiedenen Freiheitskonzepte in der islamischen Philosophie und Theologie. Angesichts der Eroberung Ägyptens durch Napoleon im Jahre 1798 und den kolonialistischen Folgen war ein korrelativer Diskurs westlicher und östlicher Freiheitskonzepte faktisch unmöglich geworden.
Außerdem nahmen eurozentristische Vorurteile 
gegenüber dem Orient bedenklich zu, ja man konstruierte sich ein eigenes Orientbild (z.B. auch G.F. Hegel). Dieses beinhaltete zugleich einen Universalanspruch der europäischen Philosophie. Dadurch kamen wichtige Denkkonzepte der islamischen Vergangenheit nicht mehr zur Sprache. 
Dies ist bedauerlich, besonders im Blick  auf eine vernunftbasierte Willensfreiheit im Mu'tazilismus und der Geschichtsvergessenheit angesichts von Averroes / Ibn Rushd (1126-1198) und seinen Aristoteles-Kommentaren. Dieser großartige Denker wurde selbst in der christlichen Philosophie des Mittelalters nur noch der "Kommentator" (des Aristoteles) genannt. 
Er wehrte sich mit seinem Konzept der Willensfreiheit gegen die Ansichten des ebenfalls sehr einflussreichen Philosophen, Theologen, Juristen und Mystikers Muhammad al-Ghazali (1056-1111). 
Der "Kommentator" verwarf al-Ghazalis Verständnis von Gott als der einzigen Ursache. Denn al-Ghazali hatte dadurch faktisch die Willensfreiheit zugunsten der göttlichen Prädestination des Menschen eingeschränkt.

Die averroistischen Theorien des unendlichen Willens und der unbegrenzten Wirksamkeit Gottes lassen sich in vielfältige individuelle und anthropologische Zusammenhänge umsetzen. Dies geschieht unter Aufnahme averroistischer und mu'tazilitischer  Grundmuster in der Gegenwart verstärkt bei  islamischen Philosophen wie z.B. Mohamed Talbi (1921-2017), Mohamed Arkoun (1928-2010), Mohamed Abed Al-Jabri (1935-2010), Mohamed Aziz Lahbabi (1923-1993) und Malek Chebel (1953-2016). Es sind Weiterführungen im Sinne eines freiheitlich-humanistischen Menschenbildes .


CC













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