Freitag, 3. Juni 2022

Jean-Philippe Rameau --- "Les Indes Galantes" --- eine multikulturelle Oper (aktualisiert)


Jean Philippe Rameau,
gemalt von Joseph Aved (wikipedia)

Jean-Philipp Rameau  (geb. 24.09.1683 in Dijon bis 12.09.1764 in Paris), Sohn eines Organisten,  gehört zu den bedeutendsten Komponisten der Barockzeit. Trotz seiner musikalischen Neigungen beschloss er erst mit 18. Jahren, Musiker zu werden.  Er ging 1701 nach Italien - jedoch ohne Erfolg. So arbeitete er 1702 zuerst als Organist und Nachfolger seines Vaters an der Kathedrale in Avignon. Die Reise 1722 nach Paris brachte faktisch den Durchbruch zum Opernkomponisten, auch wenn seine "moderne" Musik bei den Anhängern von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) teilweise reserviert aufgenommen wurde. 
Jean-Philippe Rameau begann seine Karriere als Organist 
an der Kirche 
 Saint-Étienne de Dijon (wikipedia.fr).
    Aber die Gunst von Alexandre Le Riche de la Pouplinière, einer der reichsten und einflussreichsten Männer Frankreichs zur damaligen Zeit haben sicher damit zu tun, dass er sogar von König Ludwig XV. in den Adelsstand erhoben wurde. Im Hause von La Riche de la Pouplière wohnte Rameau 30 Jahre lang. Hier versammelten sich immer wieder die Intellektuellen der damaligen Zeit, so dass Rameau auch Voltaire kennenlernte. Die Begegnungen mit dem Freigeist führten sogar dazu, dass Voltaire das Libretto für Rameaus erste Oper "Samson" schrieb. Sie wurde jedoch nie aufgeführt, und auch die Musik ist nur in Bruchstücken erhalten; aber man darf davon ausgehen, dass durch Voltaire auch wesentlich geistige Impulse in das Schaffen Rameaus einflossen. Die weiteren Opern und die sog. Ballett-Opern (Opéra-ballets) führten Rameau von Erfolg zu Erfolg. Verbunden mit anderen Kompositionen und wegweisenden Schriften zur Musiktheorie und Harmonielehre (vgl. Deutschlandfunk, 12.09.2014) wurde er sogar international bekannt.
    Zu Rameaus reichem Schaffen gehören Instrumentalwerke, lyrische Tragödien und Komödien sowie Motetten und natürlich seine themenreichen Opern.

    Plattencover: Le Concert Spirituel und
    Le Concert des Nations mit Jordi Savall
                           
    Rameaus erste Ballet-Oper "Les Indes Galantes" wurde 1735 an der Académie Royale de Paris uraufgeführt. Der Komponist änderte und erweiterte sie insgesamt noch 15 Mal. Sie ist eine eigenständige Fortführung der Ballett-Oper von André Campara, der in seinem Werk L'Europe galante Liebesgeschichten aus Frankreich, Spanien, Italien und der Türkei zu Gehör brachte. Rameau zeigt nun in den "galanten Liebenden" exotischer Länder, wie diese kulturell anders orientierten Menschen von großer Harmonie und Versöhnungsbereitschaft geprägt sind, so dass am Schluss immer die Liebe siegt.
    Der Inhalt des gesamten Librettos von Louis Fuzelier führt darum nach einem Vorspiel-"Gespräch" von Hebe (Göttin der Jugend), Bellone (Kriegsgott) und Amor (Liebesgott) als allegorische Personen in vier Regionen.
    Der Gesamttext des Librettos (Opéra Stanford.edu) >>>

    Ausgabe von 1736 (wikipédia.fr)

    INHALT (wikipedia)

    Nach einer ausgedehnten französischen Ouvertüre in G-Dur im Stil von Jean-Baptiste Lully folgt ein Prolog. Eine idyllische Musette unter Anleitung von Hebe (Sopran), der Göttin der Jugend, wird von Trompetenfanfaren unterbrochen, die den Auftritt der Kriegsgöttin Bellone (Bass, Travestierolle) ankündigen. Amor (Sopran, Hosenrolle) entsendet den Chor und das Ballett in weit entfernte Länder, um die dortigen Formen der Liebe zu erkunden.

    Im ersten Aufzug „Der großmütige Türke“ (Le Turc généreux) widersteht die christliche Emilie den Avancen des Paschas Osman, da ihr Herz Valère gehört. In einem Seesturm wird dieser an Land gespült und versklavt. Es kommt zu einer dramatischen Begegnung zwischen ihm und Osman, doch dieser verzichtet auf Emilie und schenkt seinem Rivalen die Freiheit.

    Der zweite Aufzug „Die Inkas in Peru“ (Les Incas au Pérou) ist in einer peruanischen Wüste angesiedelt, mit einem zunächst ruhigen Vulkan im Hintergrund. Huascar (Bass), Inka-Hohepriester der Sonne, begehrt insgeheim die Prinzessin Phani (Sopran), doch sie ist die Liebhaberin des spanischen Offiziers und Konquistadors Don Carlos (Haute-contre). Musikalischer und dramatischer Höhepunkt ist das große Sonnenfest, in dem Huascar zunächst die Zerstörung der Sonnentempel durch die spanischen Konquistadoren beklagt: „Soleil, on a détruit tes superbes asiles“ (Sonne, man hat deine hehren Weihestätten zerstört). Auf den lebhaften Mittelteil „Brillant soleil“ (Strahlende Sonne) folgt „Clair flambeau du monde“ (Lichte Fackel der Welt). Rameau komponiert diesen ergreifenden Sonnengesang als langsames Rondeau, das von Huascar in A-Dur angestimmt und vom Chor als Refrain wiederholt wird. Doch der Oberpriester ist der Demütigung und dem Tod geweiht: er verliert die Prinzessin an seinen Rivalen und wird nach einem Erdbeben und einem Vulkanausbruch von einem Felsbrocken erschlagen.

    Der dritte Aufzug bietet wiederum eine Eifersuchtsgeschichte, diesmal in Persien, zwischen dem Prinzen Tacmas (Haute-contre), seinem Günstling Ali (Bariton) und den beiden Sopranistinnen Zaïre und Fatima. Alles löst sich jedoch in Minne auf, und den Abschluss dieses Teils bilden Gesänge und Tänze aus Anlass eines Blumenfestes in Alis Garten.

    Der vierte Aufzug spielt in den Wäldern der Neuen Welt und zeigt die Auseinandersetzungen zwischen französisch-spanischen Truppen und nordamerikanischen Indianern, die hier als „Die Wilden“ (Les Sauvages) bezeichnet werden. Auch hier ist ein Happy End vorgesehen: Nach einem lebhaften Friedenstanz „Forêts paisibles“ (Friedliche Wälder), dessen Musik aus Rameaus Pièces de clavecin von 1728 übernommen ist, und zwei Menuetten schließt das Werk mit einer Chaconne.


    1. Türkei: Le Turc généreux (der großmütige Türke)



    Sultan Abdülmecid I. (1823-1861) - wikipedia -


    2. Peru (Lateinamerika): Les Incas au Pérou (Die Inkas in Peru)


    Sonnentor - Puerta del Sol, Tiwanaku (Bolivien)


    3. Persien/Iran: Les Fleurs  (Die Blumen)                  
      Bahram Gur erkennt Dilaram an der Musik,  mit der sie die Tiere verzaubert 
      W. 623 Manuskript aus Amir Khosrows Gedicht:
      Hasht-Bihisht = 8 Paradiese (um 1302)

      (aus dem Codex  von 1603) --- Wikipédia.fr
                            

    4. Nordamerika: Les Sauvages (Die Wilden = Indianer)


    Daraus: Danse du grand calumet de la paix  --- der große Friedenspfeifen-Tanz
     --- Philharmonie Paris, 2017 (You Tube)
     

    Friedenspfeife der Lakota (Sioux) ohne Pfeifenkopf
    in der Kongressbibliothek der USA (wikipédia)


    Auch wenn Rameau die Einstellungen und Vorurteile seiner Zeit wieder spiegelt, so ist doch noch nicht zu verkennen, wie der Toleranzgedanke der Aufklärung Menschen anderer Kulturen und Religionen in einem positiven Licht erscheinen lässt. Damit transportiert "Les Indes Galantes" in besonderer Weise den Gedanken wahrer Menschlichkeit bis in die Gegenwart, nämlich Menschen ohne Ansehen ihrer Rasse, Herkunft oder Religion zu akzeptieren.
    Hier sei darum auch an das Auftragswerk zum Frieden von Aachen (1748) erinnert: 
    "Naïs“. Oper für den Frieden (1749) 

    Die Wiederaufführungen der lange vergessenen Oper "Les Indes Galantes" betonen teilweise in dramatischer Deutlichkeit, dass diese Oper zugleich ein Plädoyer ist:
    Statt "clash of civilizations" Versöhnung der Kulturen.

    Plattencover mit dem Ensemble "Les Arts Florissants"
                                                                                                                                                                     
    Détails du programme (Beaune 2019):
    Après avoir révolutionné la tragédie lyrique avec Hippolyte et Aricie, Rameau renouvelle avec Les Indes Galantes le genre de l’opéra-ballet lulliste avec une nouvelle architecture de l’opéra en présentant une suite de tableaux avec des thèmes indépendants et traités sur des modes différents : dramatique pour Le Turc Généreux, tragique pour Les Incas du Pérou et comique pour Les Sauvages. La pièce connut un succès phénoménal et fut représentée pas moins de 320 fois à l’Académie Royale de Paris. Parmi les 15 versions écrites par Rameau, nous avons choisi la version de 1761 qui comprend le prologue suivi des 3 entrées : Le Turc généreux, Les Incas du Pérou et Les Sauvages. Le Turc généreux s’ouvre sur un déferlement des passions déchaînées, dominé par la scène de l’orage, grande symphonie chorale descriptive d’une extrême beauté. Dans Les Incas du Pérou, riche en pages remarquables, la description du Tremblement de terre jusqu’à l’incroyable engloutissement du Grand-Prêtre dans les antres infernaux atteint des sommets. Dans la dernière entrée, Les Sauvages, l’orchestration de la danse des sauvages avec ses deux cents mesures d’invention mélodique et rythmique, Rameau dépasse toutes les tentatives antérieures dans le domaine.

    Aus dem Programmheft (Beaune 2019):
    "Nachdem Rameau die lyrische Tragödie mit der Oper Hippolyte und Aricie revolutioniert hatte, erneuerte er mit Les Indes Galantes das Genre der lullistischen Ballett-Oper mit einer neuen Opernstruktur, indem er eine Reihe von "Gemälden" mit eigenständigen Themen präsentierte und unterschiedlich behandelte: dramatisch für Le Turc Généreux (der großmütige Türke), dramatisch für Les Incas du Pérou (Die Inkas aus Peru) und komisch für Les Sauvages (Die Wilden = Indianer).
    Das Stück war ein phänomenaler Erfolg und wurde nicht weniger als 320 Mal an der Königlichen Akademie von Paris aufgeführt. Unter den 15 von Rameau geschriebenen Versionen haben wir uns für die Version 1761 entschieden, die den Prolog und die 3 Akte (Entrées) enthält: Der großmütige Türke, Die Inkas von Peru und Die Wilden (= Indianer). 

    Der großmütige Türke beginnt mit einer Welle von entfesselten Leidenschaften, dominiert von der Sturmszene, einer großen anschaulichen Chorsinfonie von extremer Schönheit. In den Inkas von Peru, reich an bemerkenswerten Seiten, erreicht die Beschreibung des Erdbebens bis hin zum unglaublichen Eindringen des Hohenpriesters in die infernalen Höhlen neue Höhepunkte. Im letzten Beitrag, Les Sauvages, der Orchestrierung des Tanzes der Wilden mit seinen zweihundert Takten melodischer und rhythmischer Erfindung, übertrifft Rameau alle bisherigen Versuche auf diesem Gebiet."                                                                                                                                                                                                                           Übersetzung: Reinhard Kirste


      Friedenspfeife der Sioux/Lakota
       (Programmheft Festival Beaune 2019)

      O Großer Geist, mit dieser Pfeife,

      dem Symbol des Friedens,

      des Rates und der Brüderschaft

      bitten wir dich, heue bei uns zu sein 

      und uns zu segnen ...

      O Großer Geist, ich bitte um deinen Segen.

      Ich bitte dich,
      all meinen Brüdern und Schwestern,
      auf der Welt Frieden zu bringen.
      Ich bitte dich, gib uns Übung darin,
      als Brüder und Schwestern zu leben
      und einander zu lieben.

      O großer Geist,
      ich erhebe meine Pfeife zu dir,
      zu deinen Boten, den vier Winden,

      zur Mutter Erde,

      die für deine Kinder sorgt.

      Gib uns Weisheit, unsere Kinder zu lehren,

      einander zu lieben, zu achten, 

      und gut zueinander zu sein,
      so dass sie heranwachsen
      und nach Frieden trachten.
      Lass uns lernen, alles Gute, 
      dass du uns auf Erden schickst,
      miteinander zu teilen.

      Auszug aus dem Friedensgebet der Stammesreligionen
       der nordamerikanischen Indianer
      In: Die Friedensgebete von Assisi 1986. Freiburg u.a.: Herder 1987, S. 39f
                
      CC





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