Mittwoch, 12. Dezember 2018

Leonardo Boff - auf der Seite Jesu - Vision neuer Menschlichkeit und Hoffnung für die Erde

Neue deutsche Ausgabe
Gütersloh 2011, 302 S.
Erstausgabe deutsch - München: Piper
SP 1078, 1990, 285 S.
Leonardo Boff  (geb. 14.12.1938) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Seine offene Religiosität und sein ethisch konsequentes Denken haben zwar zu Lehrverboten durch den Vatikan geführt, seine Breitenwirkung aber über Lateinamerika hinaus eher noch verstärkt. 1992 trat er aus dem Franziskanderorden aus und ließ sich in den Laienstand versetzen. 


Anlässlich seines 80. Geburtstags am 14. Dezember hat der spanische (Befreiungs-)Theologe und Religionswissenschaftler Juan José Tamayo von der Universität Carlos III in Madrid  eine kleine Hommage auf dem Lateinamerika-Portal Amerindia verfasst. 

Der originale spanische Beitrag: hier

Liberación, opción-tierra y virtudes para otro mundo posible
Befreiung, Option Erde und Tugenden für eine andere mögliche Welt

Ausführliche deutsche Zusammenfassung:
In dieser kleinen Hommage drückt Tamayo nicht nur seine Solidarität mit Leonardo Boff aus, sondern hebt auch hervor, wie das Leben des Geehrten eine vielfache Ausfächerung erfuhr. Das gilt für die religiöse Erfahrung, die Ökologie, die Politik, die wissenschaftliche Arbeit und die Weltforen zur Theologie der Befreiung. Boff: ein intensiver, kritischer, aber eben auch heterodoxer Denker: "Für den Gehenden gibt es keinen Weg, man muss den Weg zum Gehen bereiten", wie der Lyriker Antonio Machado (1875 - 1939) sagte. Boff tat und tut dies mit der Erfahrung der Zartheit des Herzens, aus der Liebe an Pacha Mama (Mutter Erde / Mutter Kosmos) und in der Nachfolge Jesu, dem Befreier Christus.
"Das Beste in der Religion ist - so schrieb Ernst Bloch in Atheismus im Christentum - dass sie heterodox Glaubende erschafft." Boff ist für diesen Aphorismus ein ausgezeichnetes Beispiel, denn er durchbrach orthodoxe Schemata, wo es scheinbar keine Veränderungen mehr gab. Seine Ethik konzentriert sich auf die "Tugenden für eine andere mögliche Welt", mit einer brüderlich/schwesterlich-ökologischen Konstruktion und einer Theologie in der Spannung von Gefangenschaft und Befreiung.

Fünf Jahrzehnte seiner theologischen Arbeit bestanden darin, durch methodische Rigorisität und prophetischen Aufruf auf andere Weise Theologie zu betreiben und  die politische Verpflichtung für die Armen der Erde und die unterdrückte Schöpfung offen zu legen. Die methodische Konsequenz besteht in einer doppelten Vermittlung der Theologie der Befreiung: sozial-analytisch und hermeneutisch.

Die Humanwissenschaften und die Sozialwissenschaften leisten dafür ein besseres Verständnis der Realität, was ihre Mechanismen der Unterdrückung betrifft. Diese richten sich ja gegen das Leben der Armen und die Natur. Die Theologie der Befreiung rückte darum deutlich von einem neutralen, indifferenten Standpunkt ab, der die Politik und die Ethik betraf.

Der Bezug zur Hermeneutik ermöglichte die Basistexte des Christentums so auszulegen, dass sie nicht fundamentalistisch abglitten. Denn der sich absolut gebärdende Fundamentalismus gehört zu den perversesten Manifestationen der Religionen. So stellte die hermeneutischen Analyse die biblischen Texte in kontextuellen und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen dar und macht so den ursprünglichen Sinn deutlich. Damit stellen sich Fragen im Licht der neuen Herausforderungen und weitere Fragen, die zu unserer Realität gehören.
Leonardo Boff ist einer der wesentlichen "Kultivierer" der Theologie der Befreiung, die er praktisch in den Favelas von Petropolis mit seiner intensiven sozial-pastoralen Arbeit umsetzte, um glaubwürdige Antworten zu geben. Sie begann in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und verband sich mit einer Gruppe von Priestern, die sich der indigenen Welt des Amazonas-Regenwaldes verpflichtet sahen. Sie dauert nun schon 50 Jahre an. Diese Fragen aber sind entscheidend:
  • Wie kann man Tod und Auferstehung Jesu der indigenen Bevölkerung verkünden, die durch die Krankheiten der Weißen vernichtet werden und sterben?
  • Wie kann man die frohe Botschaft des Heils
    den ausgebeuteten Bevölkerungsschichten verkünden?
  • Wie kann man von Gott verständlich reden und nicht auf zynische Weise zu den indigenen Menschen sprechen, die die Erfahrung des Heiligen im Kontakt mit der Natur leben?
Aus den Lebenserfahrungen in der Welt extremer Armut und kultureller Ausgrenzung erwächst die Notwendigkeit auf die von daher kommenden Fragen zu antworten. Die neue Methodologie der Befreiung zeichnet sich darin in besonderer Weise aus,
dass sie als Fundament des Denkens
und zugleich für das Handeln dient.
Düsseldorf 1999, 226 S.
Rezensionsnotiz: hier

Die Theologie hat bisher auch kaum Interesse für die Ökologie gezeigt. Hier setzt die theologische Reflexion von Leonardo Boff im Sinne einer emanzipatorischen Kraft des wissenschaftlich-technischen Paradigmas des Moderne.
Es konzentriert sich nämlich auf das menschliche Sein, das nur als menschliches universal und integrierend sein kann!  Das bedeutet auch eine Verbindung des Menschlichen mit der Natur, im Sinne eines Dialogs und kosmischer Solidarität. Dazu gehört auch eine Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit ohne Grenzen von Seilschaften und  Tribalismus.
Es ist die "Option Erde" .
"Der Verstand kann nicht ohne Hoffnung blühen. Die Hoffnung kann nicht ohne den Verstand reden", so schrieb der Philosoph der Hoffnung (in: "Prinzip Hoffnung"). Verstand und Hoffnung, oder besser ein kämpferischer Optimismus, docta spes, die gelehrte Hoffnung, prägt das Werk von Leonardo Boff. Manchmal ist er deshalb beschuldigt worden, ins Utopische abzugleiten, aber so utopisch zu denken, ist im Grunde ein Lob. Im Gedicht von Eduardo Galeano (1940-2015) heißt es, dass die Utopie dazu dient, den Weg zu gehen, selbst mit gebrochenen Beinen. Das ermöglicht das Wunder der Utopie.
In diesem Sinne wünscht Juan José Tamayo für Leonardo Boff, dass das Wunder der Hoffnung und der Utopie weiterwirken möge.

CC



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