Mittwoch, 2. Januar 2019

Swami Vivekananda – Ein Leben für den Dialog



Dieses Farbposter von Swami Vivekananda
 stammt als ursprüngliches Foto
von dem Fotografen Thomas Harrison,
aufgenommen 1893 in Chicago.
Die hier abgebildete Haltung wurde später
als "Chicago pose"bekannt. 
Der Hindu-Theologe Swami Vivekananda, geb. 12.01.1863 in Kolkata/Kalkutta,
gest. 04.07.1902 in Haora, Westbengalen, eigentlich Narendranath Datta, gehörte einer der oberen Kasten an.
Er erhielt seine Ausbildung an britischen Schulen in Indien.
Mehr zu Vivekananda bei “Vedanta Yoga”

In seiner religiösen Entwicklung spielt die Begegnung mit Ramakrishna (seit 1881) eine große Rolle.
Mehr zu Sri Ramakrishna (1836-1886): 
--- Gelebte Heiligkeit: hier
--- Infos bei Wikipedia: hier
Vivekananda sah es als seine Aufgabe, die hinter dem asketischen Auftreten stehende Lebensphilosophie von Ramakrishna in Predigten und Reden weiter zu verbreiten, besonders auch im Westen. Insgesamt predigte er mit dem Ziel, in den Menschen eine religiöse Bewusstseinsänderung zu bewirken: Denn Menschen dürfen niemals tyrannisiert, unterdrückt oder getötet werden, denn jeder Mensch ist Teil des unsterblichen Geistes, der seinen Ursprung in Gott hat.
Dabei ging es Vivekananda hauptsächlich darum, die Bedeutung der orientalischen Religiosität  gegenüber dem Westen herauszuheben, ohne arrogant auf westliche Denkweisen herabzublicken. Allerdings bemängelte er, dass die westliche Mentalität zu sehr auf militärische und politische Dinge ausgerichtet sei. Hier spielen natürlich auch Vivekanandas Erfahrungen mit dem britischen Kolonialismus in Indien eine erhebliche Rolle. In praktischer Konsequenz gründete er die Ramakrishna-Mission in Kalifornien in den späten 1890er Jahren. Den Rest seines kurzen Lebens verbrachte er überwiegend in Europa, Indien und in den USA.
Vivekananda gewann zunehmende Aufmerksamkeit auch von westlichen Denkern und religiösen Menschen, so dass er als Vertreter des Hinduismus mehr spontan zum ersten Parlament der Weltreligionen 1893 in Chicago eingeladen wurde:
https://religiositaet.blogspot.com/2017/12/parlament-der-weltreligionen-parliament.html
Swami Vivekananda auf der Bühne des Parlaments der Weltreligionen 1893 in Chicago
Artikel von Veena Howard (22.07.2018):
Swami Vivekananda on the World Stage of the Parliament of the World's Religions


In seiner Auseinandersetzung mit dem Westen erinnert Vivekananda daran, dass das dominierende westliche Christentum sich letztlich auf Jesus von Nazareth, also eine orientalische Gestalt beruft, ja er sieht in Jesus den wahren Sohn des Orients. Als der Christus hat er die besondere göttliche Verbindung zum Ausdruck gebracht und kann Vorbild für alle Menschen sein. Insofern leben Asiaten näher am Christus, weil die orientalische Geistlandschaft (oriental mind) im Sinne 
der non-dualistischen Vedanta-Philosophie sich auf etwas Bleibendes beruft, nämlich ewiges Glück gegenüber irdischem Glücksverlangen, Überwindung des Todes und ewiges Leben.
Mehr zu Vedanta:
https://vedanta-yoga.de/vedanta/
(abgerufen 23.11.2018) 
Vivekanandas Elternhaus in Kolkata,
jetzt Kulturzentrum und Museum
(wikipedia.en)
Vivekananda betont im Sinne des Vedanta, dass alle Menschen Teil an dem unsterblichen Geist Gottes haben. Sie vergessen  dies jedoch zum Teil oder missachten diese universale Wesensstruktur. Diese Anteilhabe am Göttlichen mahnt aber, Menschen nicht klein zu machen, denn die Irdischen haben alle diesen göttlichen Wert. Jesus als ein solcher Botschafter hat keine neue Glaubenslehre in die Welt bringen wollen. Er hat keinerlei Ansprüche an Besitz und Reichtum gestellt. Die Verbindung von äußerer Armut und innerem Reichtum kommt in ihm besonders intensiv zum Ausdruck. So nimmt Vivekananda auch das Jesuswort auf (Matthäus 8,20): „Die Füchse haben Höhlen, die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“. Diese Aussage ist jedoch zugleich Ausdruck innerer Freiheit. Wer so lebt, geht den Weg des Heils. Einen anderen Weg gibt es nicht („Jesus lays down no other way“). Die Menschen des Westens quälten stattdessen die heiligen Texte der Bibel zerrten sie wie Gummi hin her und bauten sich so ihre eigenen, passenden Jesusbilder.
Darauf nimmt übrigens auch der iranisch-deutsche Dichter SAID in „seinem“ Jesus scharfsinnig Bezug: https://buchvorstellungen.blogspot.com/2018/10/buch-des-monats-november-2018-said.html
Um herauszufinden, wer Jesus wirklich ist, müsse man sein Leben betrachten, denn der beste Kommentar über diesen Wanderprediger ist sein bescheidenes irdisches Leben selbst. Da sehe man, dass Jesus eine ungebundene Seele, Teil des göttlichen Geistes, war. Seinen irdischen Körper benutzte er allein dafür, um für das Gute und eine wahre Menschlichkeit zu arbeiten.
In einem öffentlichen Vortrag, den Vivekananda mehrfach in Amerika und Europa hielt, verstärkte er nicht nur diese Themen, sondern lehnte auch jede exklusivistische Position ab. So gehört Jesus in die Reihe der Botschafter und Propheten, in denen der unendliche Gott präsent ist. Diese Botschafter zeigen alle auf ihre jeweils besondere Weise den Weg zur Erlösung.
Paul J. Griffiths (ed.): Christianity Through Non-Christian Eyes.
Faits Meets Faith Series. 

Maryknoll, NY: Orbis 1990, S. 204–214, Zitat: S. 214

Übrigens hat auch der französische Schriftsteller, Pazifist und Literaturnobelpreisträger  Romain Rolland (1866–1944) sich sowohl mit Ramakrishna als auch mit Vivekananda ausführlich beschäftigt:
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Indische Briefmarke im Buch von RADICE, William (ed.)
zu Swami Vivekananda 


Literaturhinweise
Die vollständigen Werke von Swami Vivekananda, 6 Bände (freier Dowwload)
https://www.holybooks.com/complete-works-of-swami-vivekananda/
VIVEKANANDA. Vedanta. Der Ozean der Weisheit. Eine Einführung in die spirituellen Lehren und die Praxis des geistigen Yoga in der indischen Vedanta-Tradition. Herausgegeben mit einer Einführung von Swami Chetananda. München u.a.: Scherz für O.W. Barth 1989 (Dialog 11/91-12935)

MYREN, Ann / MADISON, Dorothy (eds.): Living at the Source. Yoga Teachings of Vivekananda.
Boston & London: Shambhala 1993, XXIV, 153 pp., Glossary
PRASAD, Bhaiya Subhash Chandra:
The Socio-Political Philosophy
of Swami Vivekananda.
Dissertation.Com  (Indien) 1999, XIV, 278 pp. 

RADICE, William (ed.): Swami Vivekananda
and the Modernization of Hinduism.
Oxford (GB): Oxford Univ. Press 1998

RAMBACHAN, Anantanand: The Limits of Scripture.
Vivekananda’s Reinterpretation of the Vedas.
Honolulu: University of Hawaii Press 1994, IX, 171 pp., index

SIL, Narasingha P.: Swami Vivekananda.
A Reassessment.

Cranbury, NJ / London u.a.:
Associated University Press 1997, X, 250 pp., index 
  • Raja-Yoga (Konzentration),
  • Jnana-Yoga (Erkenntnis)
  • Karma-Yoga (Handeln)
  • Bhakti-Yoga (Liebe)

Kanyakumari an der Südspitze Indiens:  Statue des Tamil-Dichters Tiruvalluvar
und Vivekananda-Rock-Memorial im Morgenlicht
(Wikipedia.en)

Reinhard Kirste 
relpäd/Vivekananda , 24.11.2018



Kommentar veröffentlichen