Donnerstag, 8. August 2019

Johann Amos Comenius (1592-1670) - Vorreiter einer Pädagogik der Herzensbildung (aktualisiert)

(aus: Wikipedia)
Der Theologe und Pädagoge
Jan Amos Komenský,
latinisiert Johann Amos Comenius
(28.03.1592 bis 15.11.1670), gehört zu den bedeutendsten Schulreformern Europas. Er war als Erzieher zugleich Politiker, Prediger und auch Bischof der "Böhmischen Brüdergemeine", der Brüderunität, einer verfolgten Exilkirche. Sein Leben war privat, gesellschaftlich und politisch weitgehend durch die brutalen Auseinandersetzungen und Seuchen des Dreißigjährigen Krieges und folgender militärischer Konflikte geprägt. Dennoch entwickelte er angesichts des Chaos der Welt die Vision, durch menschenfreundliche Erziehung und Bildung ein "Paradies des Herzens" zu ermöglichen, aus dem Frieden fördernde Kräfte erwachsen.
So beschreibt er seine Intentionen in dem allegorischen Roman: Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens (zuerst 1631 auf tschechisch erschienen). 


English summary at the end of the article


Kurzer biografischer Überblick
Er wurde 1592 in Nivicne (Mähren) geboren, studierte auch in Deutschland, und zwar an zwei bedeutenden Bildungseinrichtungen der damaligen Zeit, der calvinistischen  Hohen Schule in Herborn von 1611-1613 und von 1613-1614 an der Universität Heidelberg. 


Vgl. Fletcher DuBois / Hans Peter Gerstner (Hg., Mitarbeit: Kirsten-Heike Pistel): Comenius in Heidelberg. Student in Heidelberg - Lehrer der Menschheit
Heidelberg: Springer 2014, 180 S.

Für eine Promotion hatte er allerdings kein Geld und kehrte nach Mähren zurück.


Erinnerungstafel an der ehem. Hohen Schule Herborn.
Hier studierte Comenius von 1611-1613.



Das Katheder in der  ehem. Aula der Hohen Schule Herborn

Mit dem Jahr 1620 (Schlacht am Weißen Berge bei Prag) setzte verstärkt die militärisch organisierte Gegenreformation auch in Mähren ein. Tragische Familienereignisse - seine Frau und sein Sohn starben an der Pest - und die Kriegszerstörungen nötigten Comenius zuerst, an der mährischen Grenze unterzutauchen. Dort heiratete er zum zweiten Mal.
Rathaus von Leszno (Lissa) - wikipdia.en
Doch schließlich musste er auch von dort fliehen - über Görlitz und Berlin - in die reformierten Niederlande. 1628 fand er schließlich mit anderen Glaubensflüchtlingen im polnischen Lissa 
(Leszno) Asyl. Dort gründete er ein Gymnasium (Lateinschule) nach seinen Bildungsvorstellungen. Aufgrund seiner humanistischen Publikationen erfolgten Einladungen von europäischen Intellektuellen nach England und Schweden. So kam es, dass er seit 1642 an einer Unterrichtsreform der Schulen im damals schwedischen Elbing arbeitete. Dorthin holte er auch seine Familie nach. 1645 nahm er als Vertreter der Böhmischen Brüder am (gescheiterten) Thorner Religionsgespräch teil. 1648 kehrte er nach Lissa zurück und wurde Bischof der Böhmischen Brüdergemeine. Seit 1650 versuchte er in  Sárospatak (Ungarn) das dortige (protestantische) Lateinkolleg zu reformieren, kehrte jedoch 1654 weitgehend erfolglos nach Lissa zurück. 
1656 eroberte ein polnisches Heer Lissa, Comenius musste wiederum fliehen und lebte bis zu seinem Tod im Amsterdamer Exil.
Mehr zum Leben und Wirken von Amos Comenius: hier


Der Theologe und Pädagoge Comenius
entwickelte eine große Hoffnungsvision:

Pädagogik des Lebens

im Sinne
Didactica Magna, Stadtbibliothek Elbing (Wikipedia)
von Herzensbildung. 

Seine "Didactica Magna"
(veröffentlicht 1657)
ist die Frucht seiner Überlegungen und schulpraktischen Reformen im Sinne eines von Gott geleiteten Humanismus. Dies führt er im einzelnen an den verschiedenen Phasen der Kindererziehung aus. "Niemand glaube also, dass in Wahrheit Mensch sein könne, wer nicht als Mensch sich zu verhalten gelernt hat, d.h. zu dem, was den Menschen macht, herangebildet ist."

(Aus Didactica Magna, in: Gerhard Arnhardt
Gerd-Bodo Reinert [Hg.]:
Jan Amos Comenius: Über sich und die Erneuerung von Wissenschaft ...  Bd. II. Donauwörth: Auer 1996,  S. 384.

Gesamtausgabe der Didactica Magna
 zum Download - Englisch: hier
)



Beeindruckend ist, dass Comenius es für entscheidend hält, bereits im [frühen] Kindesalter mit der entsprechenden Erziehung zu beginnen.
Im "Informatorium der Mutterschul" (1633) hat er seine Intentionen verdeutlicht.
(Seitenangaben der Ausgabe - Johann Heubach [Hg.] in Pädagogische Forschungen. Veröffentlichungen des
Comenius-Instituts 16. Heidelberg: Quell & Meyer 1962)



  • Kinder sind ein Geschenk,
    das Eltern und Lehrer zur
    Verantwortung herausfordert
    (S. 17f).
    Das ist die Voraussetzung der "Mutterschul".
  • Für einen sinnvollen Lebensbezug müssen Kinder lernen (S. 23).
  • Bereits im Vorschulalter ist eine soziale Erziehung nötig.
  • Die gesundheitlichen Bedingungen, bereits  von der Schwangerschaft bis in das Vorschulalter, sind ernst zu nehmen.
  • Die Kinder sollen zum Denken erzogen werden
    (S. 38ff).
  • Dazu gehören das schöpferische Gestalten (S. 43ff) und die Sprach- und Sprecherziehung gleichermaßen (S. 43ff und 49ff).
  • Eine solche Grundlegung ermöglicht die Vermittlung von Normen und Wertmaßstäben (S. 53ff). Dazu gehört auch die Einführung in den christlichen Glauben.
  • Die Funktionen der "Mutterschul" muss die Schule (im heutigen Sinne auch der Kindergarten) weiterführen.
Hinter diesen in die Praxis weisenden Überlegungen steht für Comenius der Gedanke der einen Menschheit, die sich als Brüder und Schwestern verstehen sollte und so zu Versöhnung der Welt beiträgt. Comenius plädiert damit für eine Erziehung zum Frieden. Die Begründung leitet er einerseits aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen ab und andererseits am Versöhnungswerk Christi, an dem der Mensch mitwirken soll (2. Kor. 5, 18-19).
Dies geschieht in der Erziehung von Menschen so, dass sie zur Bildung "gezogen" werden . Der Gedanke der "Zucht" hat hier aber nichts mit der damaligen in den Schulen üblichen "Prügelpädagogik" zu tun, sondern ist die Er-Ziehung zur Harmonie mit sich selbst und der
Orbis Sensualium Pictus - Die sichtbare Welt
Schulbuch, 2 Bände, lateinisch-deutsch,
Nürnberg [Erstausgabe 1653] 1658, 1280 S.
Welt. Dazu bedarf es der Norm- und Wertorientierung, die allerdings auch bei Comenius sehr streng gesehen wird. Aber seine Erziehungsbasis ist eine von Gott  bestimmte wahre Menschlichkeit. So kann der christliche Glaube den Kindern bei ihrer Lebensbewältigung helfen und ihnen einen Einblick in die gesamte Welt bieten.
Die Grunderkenntnisse des Glaubens sind für eine humane Bildung deshalb wichtig, weil der Mensch daran erinnert wird, dass er nicht Herr seiner selbst ist, also absolut autonom,
sondern sich immer wieder seine Geschöpflichkeit bewusst macht und sich in dieser Weise auf die Nachfolge Jesu einlässt. So geschieht auch Erziehung im Geiste Jesu.

Für Comenius ist dabei wichtig, dass die modernsten pädagogischen und theologischen Erkenntnisse in der Schule konsequent berücksichtigt werden.
Als wichtigstes Werk von Comenius gilt seine "Allgemeine Beratung zur Verbesserung der menschlichen Dinge".
Das Original erschien in Latein:

De Rerum Humanorum Emendatione Consultatio.
2 Bände, zus. 1680 S., Abb.,
Auszüge aus dem handschriftlichen Manuskript als Faksimile Hg.: Otokar Chlup / Vorwort J. Vana. Reprint der Akademie der Wissenschaften Prag 1966. 

Der herausragende Teil dieses unvollendet gebliebenen Werks ist die Pampaedia
(All-Erziehung)
, eine Lehre universaler Bildung - zwischen Pädagogik und Politik angesiedelt. 

Inhalt der Pampaedia im Blick auf alle Menschen, alle Dinge,
die Schule, die Bücher, die Lehrer - und folgend: Die Schule des Lebens
 von der Geburt - durch alle Lebensalter hindurch - bis zum Tod. 

Überlegungen für die Gegenwart
Überträgt man all diese Überlegungen auf die Gegenwart, dann wird deutlich, dass die 
Friedenskräfte der Religionen die Chance bieten, eine verantwortliche Erziehung (in der Schule) aufzubauen. Sie ist von Achtsamkeit geprägt, die den Menschen nicht zum Herrn über andere erhebt, sondern aufgrund der Zusammengehörigkeit aller miteinander die Herzensbildung vorantreibt. Sie bezieht Verstand und Geist ebenso mit ein wie das Herz, um über Verstandeswissen hinaus zur Weisheit zu gelangen. Insofern erinnert die Pädagogik des Comenius durchaus  an ein inzwischen internationales Schulprojekt: Mind with Heart. Hier ist nicht nur eine Religion, das Christentum gefordert, sondern dies ist die Aufgabe aller religiösen Traditionen, mit ihren Versöhnungskräften. "die menschlichen Dinge zu verbessern".

"Die Religion, das Band, das den geschaffenen Geist mit dem ungeschaffenen verbindet, hat die Bestimmung in den irdischen Dingen Trost zu bringen, vor den Stürmen des Erdenlebens den sicheren Hafen nicht nur zu zeigen, sondern auch hineinzugleiten".
(J.A. Komenský: Das Labyrinth der Welt  und andere Schriften 
[Hg.: Ilse Seehase]. Leipzig. Reclam TB 187, 1984, S. 258 - aus: "Weckrufe")


English Summary
Johann Amos Comenius, promotor of an education which nurtures the heart

The theologian and pedagogue Jan Amos Komenský, latinised Johann Amos Comenius, (1592 - 1670) is one of the most important school reformers in Europe. As an educator he was a politician,a preacher and finally bishop of the Bohemian Brethren (Unity of the Brethren), a persecuted exile church of the Counter-Reformation. His private, social and political life was largely marked by the brutal conflicts and epidemics of the Thirty Years' War and subsequent military conflicts. Nevertheless, in view of the chaos of the world, he developed the humanistic vision, to enable a "paradise of the heart" through human education and training, from which rise peace-promoting energies. His understanding of an ecumenical peace education remains an everlasting model.


Literaturhinweise 
Denkmal im Comenius-Garten
Berlin-Neukölln
  • Johann Amos Comenius: Werke und Sekundärliteratur (Wikipedia)
  • Johann Amos Comenius: Das einzig Notwendige.
    Unum necessarium.
    (Neuausgabe von 1904 bei Eugen Diederichs).
    Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1964, 178 S.
  • Jan Amos Komenský: Das Labyrinth der Welt  und andere Schriften [Hg.: Ilse Seehase]. Leipzig: Reclam TB 187, 1984, 301 S.
  • Bernhard Stalla: Comenius als Didaktiker (2012, PDF)
  • Comenius-Jahrbücher. Baden Baden: Academia Verlag [Nomos] 1993ff
  • Gerhard Arnhardt / Gerd-Bodo Reinert [Hg.]: 
    Jan Amos Comenius: Über sich und die Erneuerung von Wissenschaft, Erziehung und christlicher Lebensordnung. 2 Bände. Donauwörth: Auer 1996.
    --- Bd. I, 288 S., Register: XV S., Abb.
    --- Bd. II, 686 S., Register, Xv S., Abb.
  • Johann Heubach [Hg.]: Informatorium der Mutterschul.
    Pädagogische Forschungen. Veröffentlichungen des Comenius-Instituts 16.
    Heidelberg: Quelle & Meyer 1962, 104 S., Register
  • Klaus Heuer: Die Ansichten des Johann Amos Comenius (DIE Bonn, abgerufen: 05.07.2018)
  • Franz Hofmann: Jan Amos Comenius. Lehrer der Nationen.
    Leipzig u.a.: Urania 1975, 108 S., Abb.
  • Klaus Schaller: Die Pampaedia des Johann Amos Comenius. Eine Einführung in sein Hauptwerk.
    Pädagogische Forschungen.
    Veröffentlichungen des Comenius-Instituts 4.
    Heidelberg: Quell & Meyer 1958, 34 S. 
  • Johannes Schnurr: Comenius. Eine Einführung in die Consultatio Catholica. Schriften der Universität Passau. Reihe Geisteswissenschaften, Bd. 2. Passau: Passavia Universitätsverlag 1981, 96 S.
  • Uwe Vogt: Das Geschichtsverständnis des Johann Amos Comenius in Via Lucis als kreative Syntheseleistung. Vom Konflikt der Extreme zur Kooperation der Kulturen.
    Schriften zur Triadik und Ontodynamik, Bd. 11.
    Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 1996, 264 S., Personenregister
 CC

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