Dienstag, 29. Januar 2019

Etappen auf dem Jakobsweg (aktualisiert)

Vielfalt der europäischen Jakobswege (Wikipedia)
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Im Jahre 711 setzten arabische Heere über die Meerenge von Gibraltar zum ersten Mal nach Europa über und besiegten das Heer der christlichen Westgoten.
Sehr schnell gerieten weite Teile Spaniens unter maurische Herrschaft. Einzelne Militärexpeditionen führten bis in die Mitte Frankreichs.
Durch den christlichen Sieg in der Schlacht  bei Tours und Poitiers im Jahre 732 konnte ein weiteres muslimisches Vordringen verhindert werden.
So war nur der Nordwesten Spaniens noch christlich geblieben. Als ein Wink des Himmels wurde es angesichts dieser Bedrohungslage angesehen, dass der Eremit Pelagius zwischen 812 und 814 das Grab des Apostels Jakobus des Älteren fand. 
Bisher galt weitgehend die Meinung, dass Jakobus (nach Apostelgeschichte 12,2) in Jerusalem enthauptet worden sei, und sich sein Grab zumindest in der Nähe befände. Durch diese "Entdeckung" an den Grenzen zur maurischen Herrschaft war mit einem Mal eine Identifikationsfigur für das in Bedrängnis geratene Christentum vorhanden. So entstanden Legenden, nach denen bereits Jakobus im Zuge der Völker­mission der ersten Christen bis nach Spanien gekommen war. Warum sollte er nicht im Rahmen seiner Mission dann auch in Spanien gestorben oder nach seiner Hinrichtung zumindest der Leichnam des Apostels auf wundersame Weise in den Nordwesten Spaniens gekommen sein?
Und der Apostel erwies sich durch seine Erscheinungen als wahrer Helfer. Im Jahre 844 siegte in Clavijo ein christliches Heer gegen die Araber, die Mauren. Jakobus erhielt so den zweifelhaften Ehrennamen "Maurentöter".
Hl. Jakob mit Wanderstab und Schwert
St. Cyriakus, Duderstadt
Das Ereignis der Grabauffindung und die Wundertaten des Apostels verbreiteten sich erstaunlich schnell bis nach Osteuropa. 
Der Besuch von Heiligengräbern und der Reliquienkult wurden im Mittelalter zu einem regelrechten Hype. 
Die Gläubigen erwarteten an diesen wundertätigen Orten Sündenvergebung und Erlösung gleichermaßen. 
Je höher der Heilige oder die Heilige in der Hierarchie der Kirche standen, umso wirksamer musste die göttliche Energie dann an einem Apostelgrab sein. 

So machten sich schon bald viele Pilger aus ganz Europa auf den gefährlichen und weiten Weg fast bis an das Ende der damaligen Welt. 
Da die Wege dorthin im gefährlichen Grenzgebiet zwischen den arabischen und christlichen Fürstentümern lagen, erhoffte man sich natürlich vom Hl. Jakob den nötigen Beistand.

Hinzu kam seit dem 12. Jahrhundert, dass es trotz der Kreuzzüge fast unmöglich geworden war, nach Jerusalem zu pilgern. Darum zogen bald Hunderttausende für ihr Seelenheil in Richtung „westliches Jerusalem" = Santiago de Compostela. Dieser Pilgerstrom wurde auch kirchlich nachhaltig gefördert und ging erst merklich durch die Reformation des 16. Jh.s zurück. 


Erstaunlicherweise wurde seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Pilgerbewegung auf dem Jakobsweg wieder ein europäisches und sogar ein internationales Phänomen. Wenn in einem Jahr der Todestag des Jesus-Jüngers Jakobus (25. Juli) auf einen Sonntag fällt, wird ein "Ano Xacobeo" ausgerufen. Das war 2004 und 2010 der Fall. Die Weltkulturerbe-Stadt "am Ende der Welt" erlebt einen ständig wachsenden Strom von Pilgern und Kulturtouristen aus aller Welt. Etwa 250.000 Pilger dürften es wohl jedes Jahr sein. 
Es gibt viele bedeutende Routen von allen wichtigen Orten Europas nach Santiago. Die Hauptstrecke, die von Frankreich kommend durch Nordspanien führt, wird Camino francés genannt.



Stationen von KÖLN bis nach RONCESVALLES
Sainte Marie-Madeleine, Vézelay
  • KÖLN (1995 km bis Santiago)
  • TRIER (1903 km)
  • METZ (1815 km)


TOUL (1770 km)


CHALONS-EN-CHAMPAGNE

(1649 km)

bis VÉZELAY (1570 km)



CHALONS-SUR SAONE (1486 km) 


  • LE PUY-EN-VELAY (1409 km)
  • CONQUES (1189 km)
  • SAINT-JEAN-PIED-DE-PORT (780 km)
  • RONCESVALLES (753 km)


Roncesvalles am Morgen (wikipedia.es)

                                   Der Jakobsweg in Spanien - 

                               von RONCESVALLES nach SANTIAGO
                                                            (753 km) Details: hier 


                                    PUENTE LA REINA (672 km bis nach Santiago)

Puente de la Reina (wikipedia.es)
                                                           SAN JUAN DE ORTEGA (502 km) 

                                     BURGOS  (475 km) 

                                     LÉON   (300 km)     
                                         
Hospital und Konvent San Marcos in León (wikipedia.es)

ASTORGA (252 km)

SANTIAGO DE PEÑALBA (248 km)

Mozarabische Architektur
der Kirche (wikipedia.es)

                                                                                          



                                






























CRUZ DE FERRO (231 km)
Höchster Punkt des Jakobsweges (1500 Meter  ü.d.M.) nach den Pyrenäen-Pässen 

 
VILLAFRANCA DEL BIERZO (180 km)

Dieser Ort wird auch das "kleine Santiago" genannt, weil viele Pilger das letzte Stück zum "großen Santiago" nicht mehr schafften und hier beerdigt wurden.
Auch sie erhielten den vollen Sündenablass.


O CEBREIRO (159 km) - Übergang auf 1300 Meter Höhe nach Galizien


Monte Gozo: Erster Blick auf das Ziel (wikipedia.es)





SANTIAGO DE COMPOSTELA - Hauptstadt von Galizien 

Santiago de Compostela mit Kathedrale (wikipedia.es)


























Von SANTIAGO nach FINISTERRE
(knapp 100 km - weiter Richtung Westen)




Am Atlantik: Cabo Finisterre (wikipedia.es)
Am Ende der Welt !















 




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Donnerstag, 24. Januar 2019

Wieder im Blick: Hermann Hesse - Brückenbauer west-östlicher Spiritualität (aktualisiert)

Christoph Gellner: Hermann Hesse und die Spiritualität des Ostens. 
Düsseldorf: Patmos 2005, 269 S. --- ISBN 3-491-72491-0 
Grundlage dieser Arbeit ist die Dissertation des Verfassers, die er 1997 veröffentlichte: Weisheit, Kunst und Lebenskunst. Fernöstliche Religion und Philosophie bei Hermann Hesse und Bertolt Brecht. Wenn man darüber hinaus erfährt, dass diese Arbeit von Karl-Josef Kuschel und Hans Küng betreut wurde, ahnt man bereits, dass diese umfassende Neubearbeitung weitere wichtige Gesichtspunkte einbezieht. Diese beziehen Interpretationen östlicher Spiritualität ein, wie sie Hermann Hesse (1877-1962) in den Westen "transferiert" hat.
Christoph Gellner arbeitete 2000 bis 2015 im Institut für kirchliche Weiterbildung der theologischen Fakultät, Universität Luzern. Seit 2015 ist er Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts der deutschschweizerischen Bistümer (TBI) in Zürich. Der Autor gehört zu Wissenschaftlern, die ihre Theologie „kontextuell" verstehen. Sie denken Literatur, Theologie und Philosophie als Grenzen überschreitend - durchaus in Richtung einer Ökumene der Religionen
Ernst Würtenberger:
Hermann Hesse im Jahr 1905

(wikipedia)
Hesse, der Sohn eines
„Heiden-Missionars“, gehört nicht nur zu den großen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, sondern auch zu den Brückenbauern west-östlicher Spiritualität. Seine Erzählungen „Siddhartha" und
Morgenlandfahrt" (s.u.) sowie seine Romane „Der Steppenwolf", und „Das Glasperlenspiel" sind in den 20er und in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts regelrechte Kultbücher gewesen. Sie signalisieren damit ein Zeitgefühl, das besonders unter dem Stichwort der „Krise“ auch für die Umbrüche im 21. Jahrhundert erhebliche Bedeutung haben dürfte.
In einem Vortrag merkte Gellner an: „Wie nicht zuletzt seine Beziehungen zu den lebens- und kulturreformerischen Suchbewegungen auf dem Monte Veritá belegen, bewegte sich Hesse im Strom einer weit verbreiteten Suche nach einer neuen Einheit von Rationalität und Mystik, welche abendländische Aktivität mit östlicher Selbsterkenntnis uns kontemplativer Versenkung verbinden sollte“.
(Tagungsprotokolle der Ev. Akademie Iserlohn zu einer Tagung mit dem Thema „Von ‚Siddharta’ zum ‚Steppenwolf’. Fremdheitserfahrung und Weltethos bei Hermann Hesse“
im November 2003, Iserlohn 2004, S. 109).
Man fühlt sich fast an Goethes Orient-„Orientierung“ erinnert, wenn man bedenkt, wie intensiv und literarisch produktiv er sich mit fernöstlicher Weisheit und Religion auseinandergesetzt hat. Allerdings hat Hesse lebenslang an den Themen Orients festgehalten, mit besonderem Blick auf Indien und China. Sorgfältig geht Gellner darum unter der Frage „Asien als Alternative?“ den Anfängen Hesses biografisch nach, um dann auf dessen Lektüre chinesischer Klassiker, aber auch auf die psychische Bedrohung und Entwicklung Hesses im Blick auf Zivilisations-Chaos und auf Befreiungsansätze von Taoismus und Psychoanalyse zu kommen. Der Weg geht jedoch weiter hin zu mystischen Grunderfahrungen im Rahmen seiner „Theanthropologie“ (S. 163ff). Immer wieder geraten dabei Ethik und Ästhetik in Spannung zueinander, bis Hesses späte Begegnung mit dem Zen heilsame „Reduktion“ und gleichzeitig Aufbruch bringt: „Offene Weite nichts ist heilig“ (S. 222).

„Sammle dich und kehre ein,
Lerne schauen, lerne lesen! Sammle dich und Welt wird Schein. 
Sammle dich und Welt wird Wesen“ (X, 394 = S. 224)
Gellner nun legt auf einen zuweilen vernachlässigten Gesichtspunkt sein besonderes Augenmerk, den er am Schluss unter der Überschrift „Westöstliche Verflechtungen: Anstiftung zum Dialog“ (S. 226ff) thematisiert.
Er macht damit
 auf eine veränderte Situation im Blick auf die Begegnung der Religionen aufmerksam:
„Im Pluralismus heutiger Welterfahrung bedeutet religiös sein unausweichlich interreligiös sein. Mit der Bejahung der Pluralität der Religionen als Ausdruck von Gottes Willen gegenüber der Menschheit wird man die zwischen ihnen bestehenden inhaltlichen Differenzen und einander widerstreitenden Wahrheitsansprüche gerade nicht vernachlässigen oder gar vergleichgültigen. Auch wenn sich Hesse daran weit weniger interessiert zeigte als an ihren Religionen- und Kulturen übergreifenden Verflechtungen, wird man sich von den zukunftsweisenden Impulsen seines ökumenischen Denkens und Schreibens dennoch inspirieren lassen können“ (S. 237f). Gerade weil angesichts der vielen auch religiös motivierten Konflikte weltweit der interreligiöse Dialog politische Notwendigkeit im 21. Jahrhundert geworden ist, hat ein Vordenker wie Hermann Hesse umso mehr Gewicht, als er die Begegnung mit dem Osten als empathischer Mensch sucht, auch wenn mancher ihm allzu viel westliche Romantik unterstellen wollte. Hermann Hesse hat vorgedacht und Christoph Gellner wird in diesem Buch nicht müde darauf zu verweisen, dass der Gedanke der Komplementarität der Religionen (auch wenn er diesen Ausdruck nicht gebraucht) einen Ausweg aus den Sackgassen sich befehdender Wahrheits- und Absolutheitsansprüche bietet. Bereicherung und Ergänzung durch die Erfahrungs-traditionen des Ostens wir stehen erst am Anfang dieses Versöhnung stiftenden Lernprozesses.
Weiterführende Literatur: https://www.hermann-hesse.de/literatur
Vgl. die Kurzrezensionen bei „Perlentaucher.de“: https://www.perlentaucher.de/autor/hermann-hesse.html

Hesse und Brecht - Wanderungen in den Orient
(Rezension von Karl-Josef Kuschel: Im Fluss er Dinge (2018)


Auf zwei Titel sei weiterhin aufmerksam gemacht. Das eine Buch ist sozusagen ein Hesse-Asien-Reader, der wichtige Schwerpunkte von Hesses dialogischem Begegnungselementen wiedergibt:             
Volker Michels (Hg.): Hermann Hesse. Blick nach dem Fernen Osten.
Erzählungen, Legenden, Gedichte und Betrachtungen.  -------------------------------- Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, 486 S.

Besonders beeindruckend ist ferner die Dissertation des Chinesen Zhuang Ying Chen (von 1997), der die Hinwendung Hesses zur östlichen Spiritualität mit östlichen Augen sieht und zeigt, wie selbst Missionare (und Sinologen) wie Richard Wilhelm einen Dialogprozess bei den Nachkommenden in Bewegung setzen können, um so vom immateriellen Reichtums Indiens und Chinas kulturübergreifende Impulse zu gewinnen:
Zhuan Ying Chen: Asiatisches Gedankengut im Werke Hermann Hesses. Europäische Hochschulschriften, Reihe I:
Deutsche Sprache und Literatur,
Bd. 1644. Bern u.a.: P. Lang 1997, 192 S.


Siddharta und Morgenlandfahrt


    Einer der Schlüsseltexte aus "Siddharta": Leer werden, um zum wahren Selbst zu kommen
    Zitat aus der Ausgabe des Suhrkamp-Verlags (st 182), 1974 u.ö. S. 32-33
    Reinhard Kirste

    Rz-Gellner-Hesse, 16.12.06, aktualisiert, 24.01.2017